1154 Tage Guatemala Mexiko Zentralamerika

Zwei Retourtickets bitte

>> Flores, Guatemala
Wir haben die Handbremse gezogen. Nicht volle Kraft voraus, sondern auf und davon.
Anstelle Montags, wie vorgehabt, ein Ticket zu kaufen um nordwärts nach Durango zu fahren, kaufen wir uns ein Ticket in Richtung Süden, nach Mexiko City.
Warum? Ganz einfach, wir haben absolut keinen Bock mehr, noch höher ins Land hinein zu fahren. Ein Bauchgefühl, die Stimmung im Allgemeinen gefällt uns nicht. Das amerikanisierte, die Menschen. Wir fühlen uns nicht wohl hier. Schon seit wir oberhalb der Hauptstadt sind, streichen und ändern wir unsere Route fast täglich. Das ist ja nicht normal. Und am Samstagabend, an der Unabhängigkeitsfeier macht es auch bei uns «klick». Wir wollen zurück. Südwärts – vorwärts…
Warum in einem Land bleiben und sein Geld ausgeben, wo man sich nicht 100%ig wohl fühlt? Sicher, es gibt schöne Plätze, aber all das ist unterhalb Mexiko Citys zu finden.


Seit diesem Entscheid fühlen wir uns pudelwohl. Wir freuen uns wie kleine Kinder und wollen nun so schnell wie möglich an die Grenze von Guatemala reisen.
Am Dienstag im Nachtbus von Mexiko nach Palenque sitzend, schleichen wir uns im Spätnachmittagsverkehr durch die enorme Stadt.
Es fängt an zu regnen. Und zwar mächtig. Es strömt dermassen vom Himmel herab, dass man nichts mehr durch das Fenster sieht, so prasst es an die Scheiben. Der Verkehr stockt noch mehr, grauslige, schwarze Flüsse bilden sich, wo PET-Flaschen gemütlich mit dem Strom schwimmen. Ich wundere mich über diese Tümpel, regnete es doch schon gestern Abend. Aber da würde wohl nicht mal die Sintflut helfen, um all den Dreck, der auf den Strassen klebt, wegzuschwemmen.
Plötzlich verstärkt sich der Regen noch mehr und es hört sich an, als ob Nägel gegen das Dach klimpern – es hagelt.

Nach zweieinhalb Stunden stehen wir schon wieder still. Polizeikontrolle? Essensstopp?
Nichts dergleichen. Anscheinend haben wir eine Panne. Unsere beiden Busfahrer ziehen ihre weissen Hemden aus und legen sich im Unterhemd unter das grosse Fahrzeug. So wie sich das Gerumpel vorher anhörte, vermuten wir Schlimmes. Was kommt jetzt? Buswechsel? Übernachten auf der Autobahn?
Es kommt alles gut, die Beiden werkeln irgendwas am Bus herum und machen eine mexikanische Reparatur. «Du, ich hab da das lange Ding mal festgezogen, was meinst du?» – «Ja, ja, schon gut, vamos!» Und schon geht’s weiter. Bis zum nächsten Stau…

Die restliche Fahrt verläuft normal. Aber saukalt ist es im Bus. Ich sitze in Jeans, Jäckli und Fleece im Sessel und schlottere trotzdem vor mich hin. Bin ich froh, dass es die letzte tiefgekühlte Fahrt ist. Diese Klimaanlagen können einen ganz wahnsinnig machen.

Wir verbringen noch eine Nacht in Palenque und informieren uns wie man zur und über die Grenze kommt. Natürlich kann man mit jeglichen Touroperatoren bis nach Flores – unser Ziel – fahren. Zu stolzen Preisen.
Wir finden ein «Colectivo» – ein Minibus – der uns um 5 Uhr in der Früh zur Grenze fährt. Die Dame legte uns am Vorabend noch ans Herz: «Kommt eine Viertelstunde vorher». Was wir natürlich auch taten.
Dafür stehen wir nun da noch eine Stunde blöd in der Gegend rum, weil wir erst um 6 Uhr abfahren… 😉

Saftiger Dschungel zieht an uns vorbei, wir fahren bis fast zur Grenze. Hier heisst es, wir müssen noch ein Stück mit dem Taxi weiter. Bis zum Fluss.
Zum Glück fragen wir unseren Taxifahrer wegen dem Immigrationsbüro. Als wir daran vorbeifahren meint dieser «Ach, es ist geschlossen. Sollen wir einfach weiter?»
Vielleicht nicht die Beste Idee. Woher bekommen wir nun den Ausreisestempel? Wir steigen aus und warten. Warten ist immer gut.
Und siehe da, er lässt nicht lange auf sich warten, der Grenzbeamte. Wir bekommen unseren Stempel und werden auch gleich noch 46 Dollar leichter. Ausreisegebühren. Der höchste Betrag, den wir je bezahlt haben…

Der Preis für ein «Lancha» (Bötchen), senkt sich auch bei jeder Person die wir fragen. Schlussendlich tuckeren wir für 15 Pesos über den braunen Fluss.
Dieser Grenzübergang ist wirklich einer der witzigsten. Eine eigenartige Stimmung herrscht auf der einen, wie auch auf der anderen Seite. Schwierig zu beschreiben. Wir sind zu der Zeit die einzigen Menschen, die rüber wollen.
Wir stellten uns den Übergang komplizierter vor, vor allem weil wir vorher keine konkreten Informationen bekamen. Aber alles läuft wie geschmiert.

Die Flussüberquerung dauert nur wenige Minuten und wir haben offiziell guatemaltekischen Boden unter unseren Füssen. Was für ein gutes Gefühl!

La Tecnica , so heisst hier der Ort auf dieser Seite des Flusses, ist ein Dorf. Nun ja, vielmehr eine Häuseransammlung. Irgendwie ein Niemandsland. Man kann noch in Pesos bezahlen, haben aber doch Zeitverschiebung. Wir gewinnen eine Stunde. 😉

Anscheinend kann uns hier niemand sagen, wo der Bus nach Bethel fährt, also tun wir was in solchen Momenten am Besten ist: Essen. 😉 Im «Comedor» gibt es nur gebratenes Rindsfleisch mit Tomaten, Reis und Salat. Und das zum Frühstück. Und endlich, endlich wieder RICHTIGE Tortillas. Fladen, die diesen Namen auch verdienten. Da ist Material dran und sie schmecken nach was.
In Mexiko werden sie meistens industriell hergestellt. Auch wenn sie von einer «Tienda» kommen, werden sie nicht von Hand gemacht. Die werden einfach mit einer Presse flachgedrückt. Sehr flach. Vielleicht einen Millimeter dick.

Jetzt sitzen wir da, mit dickem Bauch, zwischen rumgackernden Hühnern, unter einem Baum. Es fängt an zu regnen.
Ein Bus kommt tatsächlich. Zu unserer Überraschung, gleich einer, der nach Flores, unserem Ziel, fährt. Und die Krönung am Ganzen: Wir fahren via Bethel, weil dort müssen wir noch in die guatemaltekische Immigration. Hier gleich am Fluss gibt es keine. Perfekt, was wollen wir noch mehr?

Vor dem Immigrationsbüro hält der Bus für uns an und wartet, bis wir mit dem Papierkram fertig sind. Das ist Service 😉 Das ist ja, als wenn der Bus rasch im Stadthaus halt machen würde 😉

Der Beamte nimmt unsere Pässe entgegen, klatscht mit voller Wucht einen Stempel in den Pass, unterschreibt sorgfältig und sagt uns mit einem breiten Grinsen: «Bienvenidos en Guatemala, otra vez!» (Wilkommen in Guatemala, noch einmal!)
Wir fühlen uns prächtig. Die Fahrt kann weitergehen.

Wir sehen kleine Dörfer, eingefasst von wunderbarem, saftigem Grün, wo Schweine im Dreck wühlen, nackte Kinder herumtollen und die Hunde im Weg liegen. Es kümmert diese nicht gross, dass da nun ein grosser Bus dahergerollt kommt.

Die Farben, die lächelnden Menschen, die vollen Busse, der Wind, der vom offenen Fenster um die Ohren pfeift, Eindrücke hier und da und ein Hinterteil, das sich allmählich taub anfühlt. All das und mehr ist Guatemala und wir fühlen uns endlich wieder am richtigen Ort.
Hier vergehen die Busfahrten relativ schnell. Hier braucht man kein Buch, um in eine Geschichte einzutauchen, hier fühlt man sich mittendrin.

Das Huhn, welches kopfüber in der Hand meiner stehenden Nachbarin hängt, ist wohl meiner Meinung: es quietscht mal rasch, als die beiden ausstiegen.

Guatemala du hast uns wieder!

In Flores steigen wir in der gleichen Pension ab, wie das letzte Mal. Es tut gut nicht lange suchen zu müssen, sind wir doch ziemlich erledigt. Letztendlich sind wir wieder da, wo wir aufgehört haben. Von hier aus fuhren wir damals nach Mexiko.
Die Hoteldame erkennt uns sogar wieder. (Das Positive, wenn man so gross ist…) Und weil nicht mehr Hochsaison ist, gibt sie uns für den gleichen Preis ein besseres Zimmer, mit Minibalkon und Blick auf den See. So und hier bringt uns nun mal nicht so schnell jemand weg. Ausspannen, geniessen und akklimatisieren. Es ist unglaublich heiss. Das haben wir vergessen… 😉

In diesem Sinne schwitzige Grüsse aus Flores.

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1 Comment

  • Reply
    Anonymous
    25. September 2007 at 4:10

    Schööööööööön, dass es Euch wieder gut geht. Bin jetzt wieder beruhigt 🙂
    Liebi Grüess, vom …..MAMI

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