1154 Tage Kolumbien Südamerika

Wir schicken uns selber in die Wüste.

>> Villavieja, Kolumbien
Medellín selber ist nicht unbedingt die Stadt um zu flanieren und das einzige Highlight, die kleine Luftseilbahn, ist in Revision. Dafür finden wir in El Peñol einen Augenschmaus. Die gut zweistündige Fahrt ist sehr schön und von weitem sehen wir schon unser Ziel: «La Piedra», der Stein. Der Monolith ragt 300 Meter in die Höhe und sieht irgendwie verloren aus in der sonst nur leicht hügeligen Umgebung.
264 Stufen später sind wir oben: die Aussicht ist einfach unbeschreiblich schön. Der künstliche See bedeckt eine riesige Fläche, wir haben 360 Grad Aussicht und können über soviel Schönheit nur staunen. Überall kleine Inselchen, verschnörkelte Wege und kleine Hügel. Malerische Häuser stehen am Rande des Sees, zum Teil ohne weitere Nachbarn. Idylle pur. Es tut gut wieder einmal in der Natur zu sein.

Die Aussicht vom Stein oben - herrlich!


Um Medellín zu verlassen brauchen wir zwei Anläufe. Beim ersten Mal gibt’s keine Tickets mehr und der Bus geht auch gleich noch kaputt. Also kehren wir wieder um und bleiben noch eine Nacht länger in unserem Zimmer. Am darauf folgenden Tag klappt es. Leider ist nicht gerade unser Tag. Wir wollen nach Supía, warum auch immer. Das Städtchen haut uns nicht von den Socken, die Osterprozession ist im vollen Gange und die Zimmersuche ergibt auch nichts Schlaues. Es ist Karfreitag und der Essplan wird hier streng gehalten. Nur Fisch. Sehr praktisch wenn man diesen nicht gern hat… Wir hoffen wirklich, dass die «Semana Santa» und die Ostertage bald vorbei sind. Es herrscht Chaos, viele Kolumbianer sind selber unterwegs und wir können diesen Jesus bald nicht mehr ansehen.
Wir steigen wieder in den Bus und fahren nach Manizales, Hauptstadt des Departements Caldas, welches unter anderem zur«Zona Cafetera» gehört. Die Gegend ist sehr grün, wie sowieso fast alles in Kolumbien. Und bald sehen wir sie auch: Die Kaffeesträucher. Überall ragen sie die Hügel hinauf, an jedem freien Platz stehen die Büsche.
In Manizales harren wir der Dinge die kommen: Ostern. Wir versuchen ein einigermassen gemütliches Zimmer zu finden, um die Ostertage gut überbrücken zu können. Aber wie wahrscheinlich in jeder Ecke der Erde ist alles geschlossen und leer. Busfahren ist eine Tortur. Endlich ist Dienstag und wir können wieder aus unserem Verliess raus. 😉
Wir fahren nach Armenia, eine hektische Stadt, aber im nahe gelegenen Dorf Salento finden wir wieder ein Stück Natur. Das pittoreske Dorf ist umgeben von Bergen und saftigen Hügeln. Die Hinfahrt ist wunderschön. In einem alten Jeep Willy’s fahren wir ins «Valle de Cocora», das Tal mit dem Nationalbaum, der Wachspalme. Es ist die einzige Palmenart, die in solchen Höhen und eigentlich kühler Umgebung wächst.

Sehr grünes Kolumbien

Die ersten zwanzig Jahre lugen nur ein paar Palmwedel aus der Erde, lassen wir uns erklären. Danach beginnt der Stamm langsam zu wachsen und die schlussendlich riesigen Bäume sind bis zu 120 Jahre alt.
Wir sind in einem friedlichen Ort, mit kaum einer Handvoll Häuser. Nur die Soldaten mit ihren scharfen Geschossen lassen einem immer wieder die politische Situation Kolumbiens ins Bewusstsein rufen.

Wir sind froh, zur Abwechslung wieder einen Tag an einem grünen Flecken verbracht zu haben. Da Kolumbien nicht gerade als Top-Touristendestination erklärt werden kann, ist es manchmal schwierig in kleineren Orten eine Schlafmöglichkeit zu finden. Das heisst, manchmal hat es genau ein Hotel und diesem ist man dann «ausgeliefert». Meistens entspricht es nicht unbedingt unserem Budget. Also müssen wir eine Stadt als «Basis» auswählen und von dort aus die Umgebung auskundschaften. Aber immer in Städten zu schlafen braucht nerven.

Wir wollen in die Wüste. Mal etwas anderes. Wüste stand bis jetzt noch nicht auf unserem Programm, also wird es Zeit.
Am Vortag hiess es unser Bus fahre um sieben Uhr nach Neiva, aber als wir um halb sieben das Ticket kaufen ist die Abfahrtszeit auf halb acht Uhr verschoben worden. Genug Zeit zum Frühstücken also.

Frühstück ist eine spezielle Sache hier in Kolumbien. Das für uns beste Frühstück gab’s in Guatemala. Rühreier, Reis, Bohnen, Kochbananen mit einem Klacks Sahne und dazu herzhafte, hausgemachte Tortillas. Ein nahrhafter Start in den Tag. Nicaragua und Costa Rica haben das «Gallo Pinto». Reis und Bohnen gemischt, mit Rührei. Die Tortillas fehlen zwar meistens oder sind nicht mehr so gut wie in Guatemala.
In Kolumbien gibt’s Brühe mit Kartoffeln und einem Stück «Fleisch» zur «Vorspeise», was für uns doch etwas gewöhnungsbedürftig ist. Danach gibt’s wieder Fleisch, gebraten, Reis und frittierte Kochbananen. Gebratenes Fleisch hört sich gut an? Meistens ist es das schlimmste Stück der Kuh…
Zum Glück kann man statt Fleisch auch «Huevos Pericos», Rührei mit Tomaten und Zwiebeln, haben. In Ordnung, aber die Eier mit dem Reis und den Bananen sind einfach ein bisschen eine trockene Angelegenheit. Dazu gibt’s eine «Arepa», eine Art Tortilla, aber nur knapp grösser als ein Fünfliber, ein Zentimeter dick, oft kalt und ohne Geschmack.
Natürlich nicht zu vergleichen mit einem frischen Stück Zopf und Honig 😉
Aber man gewöhnt sich an alles und salziges Frühstück ist inzwischen normal für uns.

Wir sind immer noch im Busterminal, halb acht Uhr schon lange vorbei. «Immer noch da?» fragt der Ticketverkäufer. «Ja, der Bus fährt später» meint JC. «Ah… en dos minutos…» – «Wir kennen diese zwei Minuten» antwortet ihm JC. Der Verkäufer grinst…
So ist das in Lateinamerika. Dass wir schon um halb sieben Uhr hier waren hat nichts mit Schweizer Pünktlichkeit zu tun – es gibt tatsächlich oft Busse, die ihre Abfahrtszeiten ernst nehmen… 😉

Wir warten gelangweilt im Bus, viele sind wir nicht. Keine zehn Passagiere, von Touristen keine Spur. Abgesehen von Bogotá, können wir die gesichteten Touristen bis jetzt an einer Hand abzählen.
Die Einheimischen im Bus reklamieren, wann es denn endlich los gehe. Wir trauen und das nicht, schliesslich wollen wir ja nicht die ungeduldigen Ausländer sein…

Fast gegen neun Uhr geht’s endlich los. Der Chauffeur scheint knapp seine erste Fahrstunde hinter sich zu haben. Wir ruckeln die Strasse entlang, er überholt alles und jeden, um dann aber alle 15 Minuten wegen irgendetwas anzuhalten. Vielleicht um dann die gleichen wieder überholen zu können?
Die Strecke hat unendlich viele S-Kurven, wir fahren immer höher, bis wir am Pass oben auf 3300 Meter sind. Die Umgebung ist sehr grün, Berglandschaft.
Wieder unten, verändert sich die Gegend sichtlich. Alles ist viel flacher, Bananen- und Papayastauden und Zuckerrohr ziehen ans uns vorbei. Es ist sehr heiss.
Umso näher wir Neiva kommen, desto karger wird es, wir nähern uns der Wüste.
Wir sitzen schon den ganzen Tag im Bus, es ist spät, also bleiben wir eine Nacht in Neiva und fahren morgen nach Villavieja. Zum Glück, denn nach so einem Tag hätten wir das was kommt wahrscheinlich gar nicht ertragen…

Nach einer kurzen Fahrt kommen wir im Herzen des verschlafenen Villavieja an. Der Hauptplatz. Wir sind kaum aus dem Büssli draussen, stürzen sich diverse Menschen, «Guides» und Taxifahrer wie Aasgeier auf uns. Wir können es kaum fassen.
Nach «Nein, wir sind keine Amerikaner» – «Ja wir wissen dass wir gross sind» – «Nein wir wollen nicht heute in die Wüste» und sonstigen Abwimmelungsversuchen haben wir «nur» noch zwei Männer am Hals.
«Wir suchen was zum Schlafen» fragen wir die beiden erwartungsvoll. Sie zeigen uns das Hotel gleich am Platz – das hätten wir auch selber gefunden… 😉
Egal, wir schauen es uns an, natürlich watscheln die beiden mit uns mit, geben ihre Kommentare ab. Wir fühlen uns nicht sehr wohl, ziemlich beobachtet und gleichzeitig frustriert wegen dem Hotel.
Wir denken uns, wenn wir hinauslaufen und uns irgendwo hinsetzen um etwas zu trinken, gehen die beiden vielleicht von selber? Gesagt getan. Wir trinken, bleiben aber umzingelt von den beiden Männern. Nicht dass sie böse oder unfreundlich wären, man ist nur so… kontrolliert.
Wir teilen uns auf und gehen auf Schlafplatzsuche. Irgendwann belagert uns nur noch Nelson. Ein offizieller Guide, seit 35 Jahren – wenn wir das richtig verstanden haben, denn er spricht mehr mit Zeichen, als mit seinem Mund, obwohl wir ihm gesagt haben, dass wir Spanisch verstehen.
Das gute an diesen Minidörfern – jeder kennt jeden. Und von einem Einheimischen wurde ich dann zu «El Gordito» – das Dickerchen – geschickt und siehe da: ein Erfolgserlebnis.
Ricardo, wie er richtig heisst, strahlt stets übers ganze Gesicht, hat zwar einen Bauch, sprüht sonst aber vor Vitalität und seine Augen haben etwas Jungenhaftes, Spitzbübisches.
In seinem Zuhause hat er ein einfaches Zimmer für Gäste mit einem Innenhof, den er fast manisch von heruntergefallenen Blättern befreit.
Er zeigt uns «sein» Ort, wo man Bier trinkt, eigentlich ein Lädeli. Man nimmt sich einen der knutschblauen Plastikstühle und sitzt dann einfach «auf die Strasse» unter die beiden schattenspendenden Bäume. Es ist sehr gemütlich und er trinkt auch gleich eine Runde mit.

Die Tatacoa-Wüste ist wirklich sehr klein – etwa so gross wie das Zentrum Bogotás – und im Prinzip eine geologische Anomalie. Eingeklemmt zwischen Bergen und karger Landschaft, hat die Natur gemeint hier müsse noch ein Stück Wüste hin. Tagsüber kann es hier gut 40 Grad werden…
Durch Ricardo erfahren wir, dass man auch selber in die Wüste gehen könne, man müsse die gut vier Kilometer dorthin einfach laufen.

Abends ist das 8000-Seelen-Dorf recht animiert. Alle sind draussen, plaudern. Schwierig unbeachtet durch die Strassen zu schlendern. Und dieses Dorf ist wirklich unglaublich. JEDER weiss von wo wir kommen, wo wir schlafen und morgen in die Wüste gehen. Das Buschtelefon klappt hier einwandfrei.
Diejenigen, die uns noch nicht gesehen haben stürzen auf die Strasse um auch endlich «die Grossen» zu begaffen. Ich kann es nicht anders sagen, wir kommen uns extrem ausgestellt vor, wenn uns gewisse Leute mit offenem Mund nachsehen. Ich übertreibe nicht!
Es ist schon seit der ganzen Reise so, dass manche Menschen fast aus dem Häuschen sind, wenn sie uns sehen, aber das hier übertrifft alles.
Sogar die Polizei kommt, schüttelt uns die Hände, heisst uns willkommen und dankt uns, dass wir hierher gekommen sind… (!?) 😉 Das Ganze ist irgendwie lustig, aber recht anstrengend.

Wir möchten etwas Essen und Nelson – stets zur Stelle (er hofft immer noch als Guide zu dienen) – zeigt uns wo. Das «Restaurant» ist eigentlich ein zu gross geratenes Wohnzimmer mit einem Sofa und natürlich einem Fernseher. Der Rest wurde mit Tischen für Gäste gefüllt, hinten wohnt die Familie 😉 Wir sollen in einer halben Stunde nochmals kommen – es muss zuerst gekocht werden.
Zurück kommt ein guter Duft aus der Küche. Wir schmunzeln, wenn wieder ein Familienmitglied zum Lädeli gegenüber rennt und mit einem Salat oder sonstigem zurückkomt. Da hat wohl der Köchin noch was gefehlt…
Gut genährt gehen wir früh ins Bett, wir wollen unbedingt den Sonnenaufgang in der Wüste erleben.
Logischerweise kreuzt Nelson noch auf und fragt, ob wir morgen um 5 Uhr losgehen können. Es tut uns ja fast leid, aber wir wollen wirklich alleine gehen Nelson!

Um vier Uhr morgens bellt unbarmherzig der Wecker. Es ist stockdunkel draussen. Ricardo meint er komme ein Stück mit uns mit. Auf der Hauptstrasse, entlässt er uns ins Dunkel und wir wackeln im Halbmondschein die Strasse entlang. Es ist angenehm warm, weit und breit keine Menschenseele. Ab und zu entdecken wir eigenartige Silhouetten und stellen aber erleichtert fest, dass es sich nur um Kühe, Pferde oder Esel handelt.
Der Weg ist ziemlich lange wenn man von der Umgebung nichts mitkriegt. Dummerweise beginnt es auch noch zu blitzen…

Die geteerte Strasse hört plötzlich auf, wir können vage ein Haus ausmachen. Ich glaube wir sind da. Wir setzen uns auf eine Bank und warten. Die Sonne geht leider nicht wie erwartet auf, es ist zu bewölkt, aber die Landschaft erwacht langsam im Licht und wir sehen, wie vor uns ein roter Canyon auftaucht. Wir sind sprachlos. Da wir beim Herlaufen absolut nichts von unserer Umgebung mitbekommen haben, staunen wir umso mehr.
Die roten Schluchten und Berge sehen aus wie überdimensionale Termitenhügel, aber das ganze Tal ist gar nicht so gross. Wir staunen über die Farben und Formen, steigen in die Schluchten herab und spazieren wie in einem grossen Labyrinth herum. Es ist wunderschön diese bizarren Formen zu bewundern. Kakteen so gross wie Häuser schmücken die rote Erde mit Farbtupfen.
Wir geniessen es völlig in dieser extremen Landschaft zu sein, die Stunden vergehen und langsam aber sicher brennt die Sonne heiss vom Himmel. Wie es sich für eine Wüste gehört. 😉

Die Strasse durch die Tatacoa-Wüste

Fast gegen Mittag gehen wir den Weg noch ein bisschen weiter, die Gegend ist aber nicht mehr so schön, wie der rote Teil. Die Erde wird grau, sandiger. Wir kehren um und halten im Schatten eine Siesta.
Den Nachmittag verbringen wir mit zwei Spaniern, die sich auch hierher verirrt haben. So vergeht die Zeit schnell, dass wir gemütlich in der schon tief stehenden Abendsonne heimmarschieren können. Nun entdecken wir auch endlich was wir im Dunkeln alles verpasst haben.
Weitere rote Bergformationen, andere Kakteearten, plötzlich ist es wieder Grün um uns herum. Eine verrückte Sache so eine kleine Wüste ;-).
Völlig kaputt vom vielen marschieren kommen wir endlich wieder in Villavieja an und fallen eigentlich nur noch müde ins Bett.

Am nächsten Tag verlassen wir das verschlafene Dorf wieder. Es war zwar schön und gemütlich, wir sind aber doch froh hier wieder raus zu kommen… Nelson plaudert immer noch mit uns, also wird er es auch verkraftet haben nicht unser Guide gewesen zu sein… 😉

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