1154 Tage Afrika Marokko

Wenn ein T-Shirt zum Gesprächsstoff wird

›› Meknès, Marokko
Da sitzen wir nun. Am Busbahnhof von Tanger im Norden Marokkos, schauen dem wilden Treiben zu und glauben selber noch nicht ganz hier zu sein. Der Flug nach Paris verging wortwörtlich wie im Flug und kaum haben wir die vielen Menüs, die uns ständig vorgesetzt wurden aufgegessen, taucht auch schon die französische Hauptstadt auf. Dort verbringen wir einen kurzen Zwischenstopp mit einer Freundin. Sie wurde von meiner Mutter mit Esswaren und Allerlei vollgeladen, auch meine wieder reparierte Kamera ist dabei.

Paris ist – auch nach Perth – schon ein bisschen ein Kulturschock. Die neuste Mode rennt in den Strassen herum und stolziert um die Wette, während ich mir gerade am überlegen bin, was ich von meinen sowieso schon wenigen Kleidern allenfalls entbehren könnte, um leichter zu reisen. Bald darauf geht es rasant im TGV nach Montpellier, wo wir nach zweieinhalb Jahren, wieder einmal JC’s Vater sehen. Dieses Wiedersehen kann man sich ja vorstellen. Zehn Tage sind wir bei Dominique und Colette, in einem typischen, südfranzösischen Dörfchen ausserhalb Montpelliers, einquartiert. Wir geniessen es sehr und werden nach jeglicher Kunst bekocht. Nach so langer Zeit in Herzhaftes Baguette zu beissen und köstlichen Käse zu kosten ist eine Wohltat. Wären wir länger geblieben, man hätte uns aufs Schiff rollen müssen. Ende September heisst es in Sète wieder voneinander Abschied nehmen, von wo aus das grosse Schiff ablegt.

Ablegen

Kontrolle

Aber wo war ich. Genau. Der Busbahnhof. Obwohl die 36 Stunden auf dem Schiff ein bisschen auf Marokko einstimmten, denn Touristen konnte man gerade mal an zwei Händen abzählen, auf die tausend neuen Eindrücke kann man sich nicht wirklich vorbereiten. Der Körper ist zwar hier, aber der Kopf hängt nach und verarbeitet wohl noch den ersten Blick auf den neuen Kontinenten, als wir auf Deck die nebelverhangene Berglandschaft erblickten.

Wir sind froh, dass der Bus nicht sofort losfährt, so können wir ein bisschen hier sitzen und Leute beobachten. Es herrscht die gleiche vertraute Hektik wie überall auf dieser Welt an einem Busbahnhof. Ticketverkäufer stürzen sich auf Neuankömmlinge und geben schreiend ihre Destinationen preis.
Kaum den Fuss in die grosse Halle gesetzt, kommt auch schon ein Herr auf uns zugestürzt. Aber er will keine Fahrkarte verkaufen, er plaudert auf JC ein, weil er absolut mit seinem T-Shirt einverstanden ist: er ist ein grosser Fan vom FC Barca. Zu diesem Zeitpunkt ist uns überhaupt nicht bewusst, was dieses Kleidungsstück noch auslösen wird. Dabei hat es JC mehrheitlich aus zwei Gründen gekauft. Es war sehr preisgünstig und trocknet schnell.

Der Barca-Fan zeigt sich erkenntlich, indem er uns in den richtigen Bus schiebt. Fürs erste reicht eine kurze Fahrt, die in Asilah, einem kleinen Dörfchen endet. Da wir beide wahrscheinlich mit offenem Mund durch die Strassen wandeln und gar nicht recht wissen in welche Richtung man gehen soll, sind wir das gefundene Fressen für einen der vielen Schlepper, die ständig aus dem Nichts auftauchen. Obwohl uns nicht wohl dabei ist, folgen wir ihm und landen dann in einer – nett ausgedrückt – Bleibe. 
Wir ahnen, dass dies hier nicht mit rechten Dingen zu und her geht und die Preis/Leistung nicht stimmen kann, aber wir sind heute einfach nicht imstande etwas daran zu ändern. Am ersten Tag in einem neuen Land darf man ein bisschen doof sein ;-). Sich ab der eigenen Blödheit ärgern bringt ja nicht viel. Mit jedem Schritt den wir tun wird uns bewusst, dass sich nach sieben Monaten Australien «Reiserost» angesetzt hat. Die routinierten Vorgänge müssen wieder aus der Reserve gelockt werden.
Den Tipp, nach Asilah zu fahren, bekamen wir von einem älteren Paar, die meinten so für den Anfang sei das ganz gut. Wir werden nicht enttäuscht. Das Dorf hat eine übersichtliche Grösse, die «Medina» (Altstadt) mit den weissgewaschenen Mauern hat viele Gässchen mit blauen Türen und Tore.

blaue Gassen

Am ersten Tag sehen wir zwar nicht sehr viel vom Örtchen, denn wir kommen auf der Strasse kaum vorwärts. Und das alles wegen JC’s Shirt. Das halbe Dorf kommt, schüttelt uns die Hände, heisst uns willkommen und gratuliert JC zum richtigen Fussballclub. Wir trauen unseren Augen nicht. Irgendwann später, wir konnten nicht mal selber in die «Medina» laufen, wird ein Marokkaner, etwas älter als wir, auf uns aufmerksam, auch wegen JC’s Bekleidung. «Hier sind fast alle Fans von Barca. Komm ja nie auf den Gedanken mit einem Real Madrid T-Shirt hier herum zu laufen. Die köpfen dich!» meint er lachend.

Er kam zwar von der entgegengesetzten Richtung, kehrt aber kurzerhand um und spaziert mit uns mit. Danach lernen wir die andere Hälfte des Dorfes kennen, um schlussendlich bei einem Herr zu Hause zu landen, der interessantes über sein Land erzählt, während wir zusammen ein kühles Bier schlürfen. Dass der Muezzin aus voller Kehle zum Gebet ruft, scheint ihn wenig zu kümmern. Marokko ist zwar ein islamisches Land, aber sehr liberal und offen.
Der erste Tag wird lange, völlig erschöpft wollen wir uns nicht vorstellen, wie es ist, wenn jeder Tag so wird wie der heutige. Das hält kein Kopf aus. Am nächsten Tag zieht JC freiwillig ein anderes T-Shirt an 😉

Am nächsten morgen schaffen wir es halbwegs alleine durch die Strassen zu ziehen. Heute ist alles belebter, gestern war Freitag, was in einem muslimischen Land etwa unserem Sonntag entspricht, viele Läden sind zu. Obwohl uns die Herzlichkeit der Menschen an diesem Ort gefällt, geht es weiter. Wir fahren nach Chefchaouen, ein touristischer Ort, welcher sich im Rif, der Gebirgskette im Nordwesten Marokkos befindet. Die Fahrt dorthin ist schön. Die bisher beige und trockene Landschaft wird ein bisschen grüner.

Busfahrt

Chefchaouen ist nun doch schon eine Stadt, aber von einer charmanten Grösse. Hier wird es nun aber schon schwieriger seinen eigenen Weg zu gehen, ohne von einem Schlepper mitgezogen zu werden. Irgendwann entwickelt man eine Taktik, um diese Typen zu ignorieren. Aber wir schaffen es und finden eine wunderbare Unterkunft. Hier fühlen wir uns wohl und ziehen durch die labyrinthartigen Gassen der «Medina».

Die blauen Gassen von Chefchaouen

Chefchaouen

Die ganze Altstadt ist in blau-weiss gehalten und sieht wirklich hübsch aus. Eigentlich könnte man an jeder Türe stehen bleiben und ein Foto schiessen.

Blaue Tore

Beim Durchstreifen der Strässchen kommt man wohl oder übel immer wieder an einer Menge Läden vorbei. Jeder will einem natürlich einen Teppich verkaufen. Wenn kein Teppich, dann Haschisch. Oder sonst hätte er da einen Onkel der…

Farben

Teppich waschen

Pause von all dem kann man sich bei einem gemütlichen Glas Pfefferminztee holen. Marokkanischer Whisky, wie sie ihn nennen. Derart gesüsst, dass schon beim ersten Schluck einem die Zahnfüllungen drohen zu kündigen. Aber Zucker gibt Energie und man ist für die nächsten Verkaufstechniken gewappnet.

Medina

Uns fällt auf, dass es in diesem Land kaum herumstreunende Hunde gibt, dafür umso mehr Katzen. Aber die sehen munter aus und sonnen sich auf den Treppen, streichen einem friedlich um die Beine oder kuscheln sich sonst in Gruppen aneinander. Katzen bellen nachts wenigstens nicht.

Katzen

Der Mann aus dem Café meint am Ende der Stadt stehe ein Waschhaus am Fluss, wo die Frauen Kleider waschen, wir sollen dort doch mal hin gehen. Einfach so gucken, wie andere arbeiten ist nicht so unser Ding, also packen wir unsere Dreckwäsche und schauen vorbei. Zwei grosse, überdachte Waschstationen stehen parat, es herrscht schon emsiges Treiben. Die Frauen tragen korbweise Wäsche ihrer Familie hierher und waschen alles von Hand. Eine unglaubliche Arbeit. Das Wort Waschtag bekommt hier ganz andere Dimensionen. Schon in Lateinamerika mit dieser Waschtechnik vertraut gemacht worden, mache ich mich an die Arbeit. Die Frauen finden es lustig, dass ich hier wasche und weisen mich freundlich in ihr System ein. So werden die Kleider auf alle Fälle sauberer als in den lahmen Waschmaschinen Australiens.

Waschtag

Was uns bis jetzt ein bisschen verwirrt ist das Essen. Wir waren es gewohnt, wenn der Hunger nicht gross war, an einem Stand etwas zu essen, sonst am Markt und den lokalen Essstuben etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

Viele Restaurants

Hier liegt zwar ein Restaurant am anderen, aber so stellt man sich das dann nicht vor. Und abgesehen von Sandwichs gibt es kaum kleine Snacks. Klar kauft man sich mal ein bisschen Käse und Brot, aber dies wird dann doch irgendwann auch langweilig. Auf das tägliche Restaurant haben wir keine Lust und das Portemonnaie ist sowieso dagegen. Also was tun? Wo essen denn die Menschen, die Arbeiter? Nach 2 Tagen in «Chaouen» ist das Gesuchte gefunden. Blind sind wir jedesmal daran vorbeigelaufen. Kein Wunder, bei dem Übermass an Zeugs und Krimskrams, das in den Strassen hängt und verkauft wird.

Blau, blau, blau

Die winzige Öffnung in der Mauer führt in einen kleinen Raum. In der Ecke steht ein Mann, umgeben von grossen Kochtöpfen. Sonst nur arabisch sprechend, erklärt er uns aber in zwei Wörtern auf Spanisch, dass es Fleisch oder Fisch gibt. Im Handumdrehen steht je eine Schüssel Dampfende Mahlzeit auf dem Tisch. Kleine, saftige Fleischbällchen, überdeckt mit einem Haufen Kichererbsen und viel Gemüse und ein paar verlorenen Fritten darauf. Es schmeckt herrlich, durchflutet den Magen mit angenehmer Wärme und erfüllt die Nase mit unbekannten Düften.

Duft und Farben

Am folgenden Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, steht doch tatsächlich ein Muezzin in unserem Zimmer und brüllt in sein Megafon! Verschlafen schaue ich mich um, sehe aber dann doch niemanden. Der Gebetsrufer scheint doch in seinem Minarett zu sein und hat sich nicht zu uns verirrt. Wahrscheinlich haben wir ihn die letzten Tage einfach immer überhört. Egal, wir stehen auf, heute geht es früh weiter, das Ziel heisst Fez.
Die Busfahrt ist unspektakulär und endet in der riesigen Stadt. Von Mal zu Mal werden sie grösser die Städte. Jetzt schon sind wir nicht sicher, ob wir hier wirklich hingehören.

Medina

Chefchaouen bei der Abfahrt

Marokko

Prunkvoll

Fez überlastet irgendwie alle Sinne. Die «Medina» sei zwar Weltkulturerbe, aber sehen tut man von dieser nicht viel, denn die Wände der Gassen sind übervoll von Schuhen, Kleidern, Esswaren, Schmuck, Kräutern, Düften, Schachteln, Geschirr, DVDs, Lederwaren, Teppichen, wieder Schuhe… Man wird vom Getümmel mitgerissen, läuft immer tiefer in die verwinkelten Gassen hinein, die immer schmaler und einsamer werden. Verlaufen garantiert, ein GPS wäre hier eine gute Hilfe.

Schuhe

Gas-Esel

Wir registrieren die vielen Läden fast gar nicht mehr, können die einzelnen Waren kaum mehr ausmachen, der Kopf brummt. Waren, Verkäufer, Touristen und immer mehr Touristen. Die Mäuler der grossen Gruppenreisebusse öffnen sich und spucken noch mehr Touristen in die «Medina». Die Verkäufer bekommen grosse Augen, die Aussichten auf ein gutes Geschäft sind sicher. Uns reichts, Platz für Souvenirs hat es in der Tasche sowieso nicht.
Auch ausserhalb wird man ständig angequatscht. Da wäre die Mutter, die einzigartige Arbeiten hat, sonst bietet man sich als Guide an, oder sie erfinden sehr fantasievolle Geschichten, um den (verwirrten) Touristen mit sich zu ziehen. Der Erfindungsgeist der Marokkaner erstaunt uns jeden Tag aufs Neue.

Platz in der Medina von Fez

Fez: Eingang in die Medina

Das ständige verneinen, abwehren und zurückweisende Gesten machen ist ermüdend und nicht jeden Tag erträgt man es gleich gut. Jemand, der Mühe hat in Sachen Nein-Sagen, kann ja mal eine Kur in Marokko machen. Hier lernt man das schon. 😉
Dafür ist die Essenbeschaffung hier kein Problem mehr. Es gibt überall kleine Stände, wo man einen Imbiss findet. Was man wo isst kommt wirklich stark auf die Region darauf an. Ein guter Tag beginnt mit einem starken Kaffee, den man entweder schwarz oder mit Milch aus einem Glas trinkt. Seit geraumer Zeit Pulverkaffee gewöhnt, würden wir das ganzes Leben nie mehr schlafen, wenn wir dieses pechschwarze Getränk ohne Milch trinken würden 😉
Dazu ein grosses, lauwarmes Stück Teig (etwas zwischen Crêpe und Blätterteig) bestrichen mit Honig. Ein Leckerbissen. Aber wir bleiben nicht mehr lange an diesem Ort. Das Menschengewühl ist zu gross und die ständige Anquasslerei bringt uns irgendwann um unseren Verstand.

In der Medina selber

Oliven

Metzger

Wir flüchten nach Meknès. Die Stadt ist zwar auch gross, der Aufdringlichkeitslevel dafür klein. Hier kann man in Ruhe ein «Pain au Chocolat» zum Kaffee geniessen, der Kellner erkennt einem wieder und verlangt auch am zweiten Tag noch den gleichen Preis wie am ersten. Die Menschen sind hier sehr freundlich (und ehrlich), einfach so, und nicht weil sich der Hintergedanke um unser Portemonnaie dreht.

Meknès

Taxidurcheinander in Meknès

Tor in Meknès

Souk

Wen einem die Menschenmassen fehlen, geht man einfach auf den Souk (Basar). Auf diesem hier findet man auch alltägliche Dinge, nicht, wie es in Fez den Eindruck erweckt, nur Souvenirs. Schneider, Stoffe, Knöpfe, Spulen mit Garn in allen Farben, Kleider und natürlich Schuhe. Die Jungen scheinen sehr modeorientiert und schuhfanatisch zu sein.
Ansonsten tragen die meisten Einheimischen eine «Djellaba», eine Art Übergewand mit einer spitzigen Kapuze, die Frauen ein Kopftuch oder auch nicht. Jede nur erdenkliche Kombination von westlicher und hiesiger Kleidung ist zu sehen. Soviel zu den ersten Eindrücken aus Marokko. Um sich wohl zu fühlen, kommt es sehr darauf an, wo man ist – oder welches T-Shirt man gerade trägt… 😉

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2 Comments

  • Reply
    Easy
    19. September 2011 at 13:01

    Ich plane 3 Monate mit dem Rucksack durch Marokko zu reisen. Da war dein Reisebericht sehr aufschlussreich auch wenn er schon ein bischen älter ist.

    Hast du irgendwelche besonderen Tipps

    • Reply
      vagabondage
      23. September 2011 at 12:23

      DER spezielle Tipp kommt mir nun nicht gerade in den Sinn 😉 Aber ich wünsch Dir viel Spass. Lass Dich von den Teppichverkäufern nicht unterkriegen und besuche nicht nur die Königsstädte (sehr touristisch und überfüllt). Aber in 3 Monaten hast Du sicher auch Zeit ein paar abgelegenere Orte zu erkunden. Pass auf Dich auf und falls Du weiblich bist: es kann (vom anbaggern her) mühsam werden… Gute Reise!

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