1154 Tage Kolumbien Südamerika

Vielseitiges und freundliches Kolumbien

>> Medellín, Kolumbien
Die Zeit vergeht schnell in Bogotá und wir belegen Mauricios Wohnung über eine Woche. Wir entdecken noch viele interessante Ecken und Quartiere der Hauptstadt. Eines Freitagabends nimmt er uns in den Süden der Stadt mit. Der Süden ist der arme Teil, in jedem Guide steht, dass man sich dort nicht hingesellen soll. Mauricio findet, wir sollten auch diesen Teil sehen – wie Recht er hat.
Er schleift uns in die «Cuadra pitcha», die «schimmelige Strasse», was nicht heissen soll, dass die Strasse schmutzig oder dreckig war. Mehr ein populäres Quartier, aneinandergereihte Bars und Discos, überall Licht und laute Musik. Man muss sich anschreien, wenn man etwas sagen will.
Die «Kundenfänger», welche am Eingang der Etablissements stehen umzingeln uns, preisen die Vorzüge ihrer Bar an, erzählen wie billig die Drinks sind, oder dass gerade in ihrer Disco die tollste Musik läuft. Wir wissen nicht wohin schauen, überall diese Lichter, der Krach und die Menschenmassen, die sich in der Strasse vorbeiquengeln. Es ist wirklich schwierig diese Strasse zu beschreiben, aber sie wird wohl immer in unserer Erinnerung bleiben… Mauricio amüsiert sich köstlich und beobachtet uns, wie wir uns aus den Armen der «Schlepper» rausreden. Am Ende der Strasse sind wir froh es gesehen und «überlebt» zu haben. 😉 Wobei man erwähnen muss, dass die «Kundenfänger» stets sympathisch und mit charmantem Lächeln ihren Job getan haben. Ein unvergessliches Erlebnis.


Am Dienstag ist es soweit: wir verlassen Bogotá nordwärts. Von Mauricio bekommen wir viele Anregungen daneben einen sehr wertvollen Tipp mit auf den Weg: verhandle stets den Preis mit den Kolumbianern. Auch im Bus!
Im grossen Terminal der Hauptstadt vergleichen wir die Preise der einzelnen Busunternehmen, obwohl eine grosse Tafel die Preise der Destinationen angibt, geben wir uns von der theatralischen Seite, diskutieren und es funktioniert tatsächlich!
Wir sind ein bisschen erstaunt, sind aber natürlich froh über diesen Hinweis.
Wir landen in Tunja, ein kleines Städtchen etwa drei Stunden nördlich von Bogotá. Es haut uns nicht gerade vom Hocker, dient aber als gute Basis, um die Umgebung auszukundschaften. Zum Beispiel Villa de Leyva. Ein schmuckes, koloniales und relativ touristisches Dorf mit charmanten Häusern und Leuten. Die Kolumbianer sind ein unglaubliches Volk. Sie sind sehr offen und stets für einen Schwatz bereit. Man kommt bei einem zeitungslesenden Mann vorbei, er wünscht einem einen guten Tag, fragt von wo man kommt und schon ist man in ein Gespräch verwickelt.

Wir besuchen noch Paipa, weil es heisst, das Städtchen habe Thermalbäder. Aber als wir die Eintrittspreise erfahren, nehmen wir schnell einen Bus und fahren nach Monguí, ein typisches Bergdorf, welches sich stolz das «schönste Dorf von Boyaca (Departement)» nennt.
Die Hilfsbereitschaft der Kolumbianer sollte hier auch mal erwähnt werden. Man kann irgendjemanden etwas fragen, wenn die gefragte Person keine Auskunft geben kann, fragt diese eine andere Person, bis das Problem gelöst! Es ist wirklich unglaublich.
Einmal fragen wir einen Buschauffeur, wie wir an einen gewissen Ort kommen. Obwohl er mit uns Geld machen könnte, weil er in die gleiche Richtung fährt, wie aber umsteigen müssten, zeigt er uns den direkten Weg und sagt zugleich dem Chauffeur, wo wir hingehen wollen, er soll uns doch bitte den Weg weisen. Wir sind jeden Tag aufs Neue erstaunt über die Einsatzbereitschaft dieses Volkes.

Gut, ich schweife ab, wir sind in Monguí ;-). Wir fühlen uns wie im Legoland. Dieses wirklich kleine Bergdorf ist sehr idyllisch und äusserst schmuck. Zu Beginn «verfolgt» uns Christian, ein sechsjähriger Spidermanfan. Er beobachtet interessiert was wir Touristen denn so machen, fragt sich wahrscheinlich warum wir seine «normale»  Steinbrücke fotografieren. Es gebe hier Forellen, erklärt er uns wissend, also inspizieren wir den Bach und geniessen die paar Sonnenstrahlen, die wir in Bogotá vermissten.
Christian fragt von wo wir kommen. «Uhh… von weit her…», meinen wir. «Kommt ihr von Sogamosa?» meint er bewundernd? Wir schmunzeln, ist Sogamosa doch die grössere Stadt, nur eine Stunde von Monguí entfernt… Er strahlt übers ganze Gesicht, als wir ihm Kaugummis schenken und er winkt uns wie verrückt, als unser Bus um die Ecke biegt…

Eigentlich wollen wir noch höher in den Norden fahren, um Schlaufenmässig nach Medellín zu gelangen. Busfahren in Kolumbien ist sehr komfortabel, stets in chicen, neuen Bussen. Dafür sind die Ticketpreise relativ hoch (immer im Verhältnis zum Rest Lateinamerikas), wahrscheinlich auch, weil pro Strecke mehrere Strassengebühren bezahlt werden müssen.
Dies bringt uns dazu, die Route in wenig zu kürzen und so fahren wir zurück nach Bogotá, um von dort aus nach Medellín zu gelangen.

Dummerweise ist Ostern dieses Jahr schon so früh und wir merken dies erst gut eine Woche vorher… Im sehr katholischen Lateinamerika beginnen die Feiertage schon früh als «Semana Santa».
Wieder im Busterminal in Bogotá erfahren wir erstens, dass es zwölf Stunden dauert um die zweitgrösste Stadt zu erreichen, die Autobahn geschlossen ist, weil starke Regenfälle einen Erdrutsch ausgelöst haben und es zudem keine Tickets mehr gibt. Ja das fängt ja gut an.
Wir bekommen schlussendlich eine Fahrkarte für den Nachtbus und schlagen die fehlenden Stunden in der Stadt tot.
Nachtbusfahren ist nicht unsere Lieblingsbeschäftigung. Obwohl die Busse gut sind, haben wir nicht allzu viel Beinfreiheit, weil alle Sitze in Schräglage sind. Da die Autobahn geschlossen ist, fahren wir auf der kurvenreichen, holprigen Bergstrasse, was Einschlafen schwierig macht…

Selbst die freundlichsten Kolumbianer sagen, dass Medellín bekannt sei, für die Herzlichkeit der Einwohner… wir können uns kaum vorstellen, dass man noch liebenswürdiger sein kann – kann man aber!

Der Terminal von Medellín begrüsst uns mit viel Musik und wir wecken unsere Sinne erst einmal mit einem Kaffee. Die Metro (in der ganzen Stadt überirdisch), die einzige in ganz Kolumbien, fährt uns schnell ins Herz der Stadt. Es ist Sonntag, alles ist mehr oder weniger ruhig. Wir finden sehr schnell eine günstige Bleibe. «Zum Wohnen, oder…» fragt der Hausherr. Da wissen wir gleich, dass wir wieder einmal in einem Stundenhotel gelandet sind ;-). Macht aber nichts, das Freudenhaus ist äusserst sauber und gastlich. Die Frauen stehen auch nicht an der Türe, wenn Eure Phantasie gerade mit Euch durchgeht…
Wir kundschaften unser Quartier aus und bemerken, dass wir tatsächlich im Rotlichtmilieu gelandet sind. Es gibt ein paar seltsame Gassen, wir wohnen aber an einer belebten Strasse mit Bars und vielen Leuten. Nachdem wir hier ein paar Mal ein- und ausgegangen sind, ist die Neugier an uns auch ein bisschen gestillt. Die Dame des Hauses ist extrem freundlich und stets für ein Schwätzchen gut, hat sie sonst wohl kaum Touristen in ihren Zimmern.

Am nahe gelegenen «Parque Bolívar» ist gerade ein Umzug im Gange. Es ist Palmsonntag und viele Leute sind auf den Beinen. Im Park setzen wir uns und es geht nicht lange, da machen wir mit halb Medellín Bekanntschaft. Es ist wirklich unglaublich wie offen die Menschen sind. Sie stellen uns einen Haufen Fragen, verstehen wir etwas nicht, wird gelacht. Aber es ist ein heiteres Geschehen und die Zeit vergeht fröhlich.

Medellín hat auch eine andere Seite. Dass es mehr obdachlose Leute gibt, wussten wir schon von Mauricio. Dies könne an den wärmeren Temperaturen liegen, meint er. Neben den vielen Prostituierten und Travestie sehen wir leider auch einen Knaben, der sich für Geld anbietet, Penner und Junge, die Klebstoff schnüffeln. Alles was wir dachten in Bogotá anzutreffen sehen wir nun hier. Wir möchten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger umherziehen, aber diese Seite gehört wohl halt auch dazu.

Wir machen mit Alexandro, einem Geschichtslehrer Bekanntschaft und ziehen mit ihm herum. Er erzählt uns, dass Medellín in den letzen Jahren viel Veränderungen durch gemacht hat. Seit 1993 der Drogenbaron, Pablo Escobar tot ist, macht die Stadt einen positivien Wandel durch, was die Presse irgendwie vergessen hat zu erzählen.
Wir fühlen uns zwar nicht so wohl wie in Bogotá, aber was uns überaus positiv überrascht ist die Herzlichkeit der Menschen hier. Sei es beim Einkaufen, Essen, egal wo, knüpft man Kontakt mit den Leuten. Wenn man bedenkt, dass wir uns in einer grossen Stadt befinden, Hektik, Stress und Lärm an der Tagesordnung sind, die Stadt wohl eine schlechte Reputation hat und trotzdem sind die Leute so überaus freundlich, lächelnd und herzlich… das ist Kolumbien 😉

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