1154 Tage Chile Südamerika

Te Pito O Te Henua – Der Nabel der Welt

>> Rapa Nui, Chile
Eine für uns inzwischen vertraute Situation: geschmiedete Pläne wieder über den Haufen werfen, Neues ausbrüten, Umwege einplanen, Routen ändern, Kopfzerbrechen über der grossen, grossen Landkarte Argentiniens und Chiles. Da hat man eine Idee und verwirft sie etwa gleich schnell wie sie gekommen ist.
Das zwar macht Spass hat aber auch seine Tücken. Vor lauter Möglichkeiten weiss man plötzlich nicht mehr in welche Richtung man gehen soll… 😉

So auch in den letzten Tagen in Buenos Aires. Wir haben schon seit langem einen Traum, wissen einfach nicht wie und wann diesen geschickt einbauen.

Unsere Vorstellung ist eine kleine Insel im Pazifik, politisch gehört sie zu Chile, geografisch zu Polynesien. Sie ist bekannt, fast jeder hat schon Fotos von der weit entfernten Insel gesehen…
Da die Flüge beinahe täglich teurer werden, da LAN Chile das Monopol hat und im Januar/Februar Hochsaison ist, entscheiden wir uns spontan einen Flug auf kommende Woche zu buchen: Rapa Nui, die geheimnisvolle Osterinsel und sogenannter Nabel der Welt!


Am Flughafen



Hört man das Wort Osterinsel, denkt wahrscheinlich jeder an die imposanten Steinstatuen und dass das Eiland sich irgendwo wahnsinnig weit in einem Meer befindet.
Die 4,5 Flugstunden lassen einem erahnen wie abgelegen die Insel liegt. Tatsächlich, es gibt nicht viele so abgelegene Orte auf dieser Welt. Die nächste bewohnte Insel ist Pitcairn, 2000 km entfernt. Tahiti ist nach 4100 km zu erreichen und Chile selber nach 3700 km.
Rapa Nui (Osterinsel) gehört zwar politisch zu Chile, man merkt aber bald, dass die Bewohner sich als Polynesier fühlen.

Wie kleine Kinder freuen wir uns auf den Flug und Mittags Ortszeit ist «Land in Sicht». Der Pilot beginnt den Landeanflug, fliegt aber über die Insel hinweg, unter uns blaustes Wasser. «Hat er die Insel verpasst?», denken wir nervös. Dann eine überraschende, sehr enge Kurve, die Flügel scheinen die Wellen zu berühren und schon haben wir Inselboden unter den Rädern.
Draussen auf der Flugzeugtreppe kommt uns eine angenehme Brise entgegen, die Sonne strahlt, es ist warm. Wir können es kaum fassen, dass wir hier sind, glücklich die Wärme der Sonne zu spüren nach den vielen Monaten Altiplano.

Da wir ohne Hotelreservierung gekommen sind (was wirklich kein Problem ist) finden wir bald eine verhältnismässig günstige Unterkunft. Das einfache, aber supergemütliche Zimmer mit Blick aufs Meer und einen Garten ist genau richtig.

Gemütliches Sein im Garten

Die meisten Besucher bleiben 4–5 Tage, wir entscheiden uns für 10 Tage, damit wir es gemächlich nehmen können. Vorteil: man kann auch mal einen Bade- und Lesetag einlegen, es gibt Zimmerrabatt und wenn man wie hier eine Küche hat, kommt der Osterinsel-Ausflug gar nicht so teuer wie wir gedacht haben.

Hier gibt es die leckersten Empanadas der Insel!

Kinder tummeln sich im Meer

Der äusserst fröhliche Friedhof von Hanga Roa

Das Städtchen Hanga Roa

Wir geniessen unseren ersten Nachmittag im einzigen Städtchen Hanga Roa, beobachten die Kinder, wie sie sich ins kühle Nass stürzen, staunen über die verschiedenen, unglaublichen Blaunuancen des Meeres und jauchzen auf, als wir ein bisschen ausserhalb die ersten Moai’s (Steinstatuen) erblicken.

Wir sichten die ersten Moai!

Der erste Anblick ist unbeschreiblich. Man hat das Gefühl gerade bei National Geographic live dabei zu sein.

Die Moai in Tahai (nähe Hanga Roa)

Panoramablick auf Tahai

Stolz stehen sie da und blicken zu uns hinab.

Kennt fast jeder die Figuren, hat man sie schon viele Male auf Bildern gesehen, aber selber auf die Giganten hochzublicken ist fantastisch und etwas unvergessliches.

Erster Sonnenuntergang mit Picknick natürlich

Spektakulärer Sonnenuntergang

Beinahe einen Tick zu kitschig, oder? ;-)

Die restaurierten Moai’s stehen wieder an ihrem Platz, aufrecht, auf einem «Ahu», einer Art Altar und schauen Landeinwärts. Als der Holländer Jacob Roggeveen 1722 die Osterinsel «entdeckt», findet er alle Moai’s umgestürzt vor. Aber beginnen wir von vorne…
eine Geschichtseinführung über die Osterinsel:


Zwischen 2000 v. Chr. und 500 n. Chr. bewohnte ein Volk die Inseln, die von den Salomon-Inseln bis nach Tonga und Samoa reichten. Dieses Volk, ist unter dem heutigen Namen «Lapitas» bekannt und die direkten Vorfahren der Polynesier und ihrer Kultur.
Etwa 500 v. Chr. brechen die ersten Polynesier, zum Abenteuer «Kolonisation» auf.
Es waren aussergewöhnliche Schiffsfahrer. Im Gegensatz zu den Europäern hatten sie keine Angst vom Erdrand zu kippen. Sie navigierten mit viel Sicherheit und Geschick, denn sie kannten das Meer sehr genau, wussten es zu interpretieren, hatten aber auch grossen Respekt davor, da sie die Gefahren kannten.
Sie entwickelten ein Navigationssystem welches sich auf die Sterne und Meeresströmungen stützt. Sie fanden den Stand einer Insel, dank der Position der Sterne wieder. Die Position des Schiffes konnten sie dank der Geschwindigkeit, Meeresströmungen und Windrichtungen ausrechnen.

Die Signale, die sie zu deuten wussten, welche auf eine neue Insel hinwiesen waren:

  • Die Vögel. Gegen Sonnenuntergang kehrten die Vögel zu ihren Nestern zurück und zeigten so den Weg zu einem Stück Land
  • Der Himmel. Wolken und Farbveränderungen zeigten ihnen die Präsenz einer Insel, auch wenn man sie vorher noch nicht sehen kann.
  • Das Meer. Veränderungen der Farbe des Meers, Treibgut und Algen zeigten die Nähe einer Insel an.

All diese Signale halfen eine Insel 32 bis 48 Kilometer zu «sehen» BEVOR sie am Horizont erschien.

Etwa im 5–9 n. Ch. wurde Rapa Nui (bis anhin unbewohnt) von Hotu Matu’a, erster «Ariki Mau», oder Inselkönig, kolonisiert.
Die sechs Königskinder formen je einen «Mata» (Stamm), welcher wieder in «Ure» (Familiengruppen) unterteilt wurden. Man denkt, dass im Laufe der Zeit mindestens zehn «Mata» existiert haben.

Die Herstellung der riesigen Moai beginnt etwa 800 n. Chr., was man als Höhepunkt der Rapa-Nui-Kultur bezeichnen kann. Die Moai sind weder Götter noch Dämonen, sondern grob gesehen eine immense Ahnengalerie der wichtigen Personen einer Familie.

Moai's

Im Ganzen gab es 887 Moai, wovon viele in Einzelteile zersplittert oder sonstwie angeschlagen da liegen. Interessant ist, dass man nur etwa 10 weibliche Statuen gefunden hat.

Die meisten Moai liegen umgestürzt da.

Je wichtiger und einflussreicher eine Familie, umso grösser und schöner waren die Statuen.
Der eigentliche Schöpfer der Menschheit auf Rapa Nui ist «Make-Make».

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Ich dachte immer, die Statuen schauen Richtung Meer, aber der Gegenteil ist der Fall:
die Skulpturen schauen Landeinwärts, weil Tänze und Feste davor gehalten wurden und sie so alle am normalen Leben teilhaben konnten.

Sie sind wirklich riesig!

Das stete Bedürfnis immer mehr Moai herzustellen, um so seine Macht und Prestige zu demonstrieren führte schliesslich zu Streitereien unter den Clans. Man streitet sich um die Ressourcen (Nahrung und Holz), die auf der Insel sehr rasch zu Ende gehen.
Die Streitereien führten zu regelrechten Kämpfen. Die Gewinner brachten die grossen Moai’s des Gegners zu Fall, um so seine Macht zu symbolisieren.
Gegen 1680 beendet man die Herstellung der Moai.

Das hat weh getan

Diese Auseinandersetzungen führten zu einem neuen Organisationssystem: Das Ritual des «Tangata Manu» oder «Vogelmann».
Jährlich absolvieren Repräsentanten der verschiedenen Familien ein Rennen, wo sie unter anderem zu einer Insel schwimmen müssen (die Strömungen sind extrem stark hier um die Insel), wo eine Möwenkolonie ihre Eier legt. Die Familie, wessen Repräsentant als erster ein Ei zurückbringt, gewinnt ein Jahr den «Regierungssitz». Der Gewinner des Rennens wird wie ein Gott behandelt, lebt zurückgezogen, nur von einem Priester begleitet und seine Familie kümmert sich durchs Jahr hindurch um die Regierungsgeschäfte.
«Tangata Manu» existierte zwar auch schon während der Moai, wurde später halt einfach wichtiger. Wahrscheinlich wurde dieser Kult anfangs sogar gleichzeitig praktiziert.

Soviel zu der faszinierenden Geschichte der Rapa-Nui-Kultur.

Mit zwei netten Reisebekanntschaften mieten wir ein Auto und machen uns auf Entdeckungsreise der Insel. Es herrscht immer ein bisschen Wind, der stahlblaue Pazifik knallt mit tosenden Wellen an die schwarze Vulkanküste – ein faszinierendes Spektakel.

Eine Horde Pferde galoppiert durch die Gegend, am Horizont sind die kleinen Vulkankegel auszumachen, die auch die Insel geformt haben. Die Landschaft ist trotz relativer Kargheit atemberaubend und immer wieder gibt es Ruinen zu betrachten. Herrlich!

15 Stück in Reih und Glied: sehr imposant

Der für uns faszinierendste Ort ist der Krater Rano Raraku. Hier wurden alle Moai’s aus dem Vulkangestein gemeisselt, also eine Art Moai-Werkstatt.

Rano Raraku: die Moai-Werkstatt

Viele Statuen befinden sich hier noch, einige nach wie vor unfertig, als ewige Gefangene des Berges. Andere stehen meist aufrecht oder in Schräglage, Hüfttief oder bis zu den Schultern im Grasboden steckend und schauen den Besuchern nach.

Man spaziert zwischen...

Moai's

Einige sind fast total im Erdboden versunken, dass es aussieht, als gehen sie unter.
Die restaurierten Moai stehen imposant in Reih und Glied auf ihrem «Ahu» (Altar), wo wir uns daneben winzig klein fühlen und den Kopf zu ihnen hochheben müssen. Hier, beinahe auf Augenhöhe kommt ein kameradschaftliches Gefühl auf. Man will ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: «Hopp, steh auf und geh an deinen Platz!»

Der schräge Kopf: meistfotografierter Moai der Osterinsel!

Im Inneren des Kraters gibt es einen schönen See wo die omnipräsenten Pferde sich am kühlen Nass beleben.

Rano Raraku: Kratersee

Die Moai’s im inneren Teil des Kraters geben einem das Gefühl eines verlassenen Ateliers während der Mittagspause, wo jeden Moment die Arbeiter wieder zurück zu ihrer Arbeit kommen, um diese zu beenden.
Aber niemand kommt.

Mit Blick aufs Meer...

Die Statuen stecken weiterhin in der Erde und schauen friedlich durch die Gegend. Eine sehr spezielle Stimmung und ein wunderbarer Ort, wo man stundenlang verweilen kann.

Der einzige Moai mit rundem Kopf

Das Vulkangestein war relativ «einfach» zu bearbeiten.
Die Moai’s wurden (normalerweise) Richtung Berghang herausgemeisselt, damit man die fertige Statue den Berg hinuntergleiten lassen konnte. Hört sich einfach an, schwer waren die Kolosse trotzdem.
Um die Statuen aufzurichten gebrauchten die Arbeiter ein Seilsystem und «füllten» massenweise Steine unter die Skulptur, bis sie gerade stand. Die so entstandene Rampe wurde gleich auch noch dazu benutzt um den enormen Hut, welcher an einem anderen Ort und aus anderem Vulkangestein gemeisselt wurde, hinauf zu rollen. Dies nimmt man zumindest an.

Nachdem dies alles geschafft war, musste der Moai noch auf den «Ahu» (Altar) zu seinem Endstandort transportiert werden.
Über die Art und Weise des Transports gehen die Meinungen auseinander. Eigentlich wurde auf Rapa Nui immer alles mündlich weitergegeben, aber die Art des Transports wurde nach Ankunft der Holländer eingestellt. Zufall?
Es schwirren mehrere Versionen über das Wie herum, unter anderem erzählen sich die Vorfahren, dass der Moai «selber» an den Bestimmungsort «spaziert» sei.
Damit meinen sie vielleicht die Benutzung des «Mana», ein übernatürliches Können, um mit Gedanken Gegenstände in Bewegung zu setzen. Das «Mana» besassen aber nur die «Ariki» (Aristrokaten, Einflussreiche).

Von den fünf wichtigsten Theorien, die man über den Transport kennt, ähnelt die des tschechischen Ingenieurs Pavel Pavel am meisten an die «selber laufende» Erklärung.
Ein aufrechter Moai ist sehr stabil, da der Schwerpunkt sehr tief liegt und Pavel brachte den Moai zum «laufen», indem er ihn leicht gegen vorne gebeugt zum «watscheln» brachte. (Sorry schwierig zum erklären…)

Nun genug Theorie. Viel kann man auf dieser Insel zu Fuss besuchen. Wie auch der wunderschöne Krater Rano Kau.

Der Krater Rano Kau

Der Weg führt durch einen duftenden Eukalyptuswald und präsentiert von oben eine herrliche Aussicht auf Hanga Roa und den Pazifik. Der Blick in den Krater lässt einem nach dem Atem ringen: grasige Inselchen und sonst viel einheimische Pflanzen, welche das Kraterinnenleben begrünen.

Die kleinen Gras-Inselchen im Inneren des Kraters

Obwohl die einzelnen Wanderungen nicht sehr anstrengend sind, ist man abends hundemüde! Es wird gemunkelt, dass Vulkaninseln einem einen Teil der Energie nehmen – wir sind drauf und dran dies zu glauben…

Für das Strandleben muss man sich vielleicht eine andere Insel aussuchen, denn es gibt «nur» zwei grosse im Norden und einen winzigen in der Stadt.

Der Strand im Norden: Anakena

Anakena

Trotzdem lässt sich hier gut die Seele baumeln. Und um zu baden kommt man auch nicht hier her…

Um richtig von den Moai zu profitieren kehren wir mehrere Male zu den Stellen zurück, die uns wirklich am Herzen liegen.

Sonnenaufgang in Tongariki

Das faszinierende ist, dass man jedes Mal etwas Neues entdeckt. Jedes Gesicht sieht anders aus, immer wieder stellt man neue Details fest.

Wir könnten noch Ewigkeiten von dieser faszinierenden Insel schreiben. Dieser Ort beherbergt wirklich viele Mysterien. Obwohl für uns viele geklärt worden sind, tauchen wieder Neue auf. Aber so soll es auch sein auf Rapa Nui. Geheimnisse überall, die niemals enden…

Wer weiss wie lange man noch den von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannten Ort besuchen kann. Stets der Erosion ausgesetzt, gegen die hochwachsenden Moose und Pflanzen kämpfend, dem Tourismus strotzend, stehen die imposanten Moai immer noch hier und bleiben Zeugen einer hochinteressanten Kultur.
Die Insel selber, welche auf der Nasca-Platte liegt, bewegt sich langsam aber sicher dem Kontinenten entgegen und wird irgendwann mit all ihrer Geschichte, Moai und Mythen untergehen…

PS: Bitte geht noch auf die Flickr-Seite, denn ich kann hier nicht alle Fotos einbinden.
Sitze schon Ewigkeiten vor dem Computer und es will und will kein Ende nehmen… Hier klicken, um auf die Seite zu kommen. Danke 😉

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