1154 Tage Argentinien Chile Südamerika

Patagonien aus dem Busfenster

>> Santiago, Chile
Unaufhörliche Weiten, Natur, einsame Orte und farbige Holzhäuser, das ist das Patagonien, welches unsere Fantasie schon seit Jahren auf Hochtouren bringt.
Vielleicht kann man sogar sagen, es war einer der Auslöser, die ganze Reise überhaupt zu starten.

Von der Seenregion...

Wir fahren in langen Tages- und Nachtfahrten von der chilenischen Seen-Region nach Puerto Madryn, auf der anderen Seite des Kontinents, da dort Walfische ganz nah an die Bucht kommen sollen.

... geht es stundenlang...

Dies stimmt zwar, weil sie hier ihre Jungen zur Welt bringen, aber nur im September und Oktober. Pech gehabt, es ist schon Ende November… So kommt es, dass wir wieder einmal unsere Pläne ummodeln und schneller im Süden landen, als wir gedacht haben.

Seit wir in Südamerika sind, werden wir des Öfteren über die immense Grösse dieses Erdteils erinnert, indem wir stundenlange Busfahrten machen. Argentinien ist da aber noch einen Tick extremer. Das riesige Land hört und hört nicht auf. Zwischen zwei Punkten ist grosses Nichts. Endlose Einöde ohne Besichtigungspunkte. Stundenlang verändert sich die Landschaft nicht.


... and der Atlantikküste...

... entlang.

Links und rechts der geteerten Strasse endlose Weiten an verschiedenen Grüntönen. Entweder niedere Büsche, trockene Grasbüschel und verschiedene Moosarten. Manchmal taucht ein heller Streifen saftiges Gras auf, gespickt mit vielen, gelben Löwenzahnblumen, die meisten schon Pusteblumen. Irgendwie erinnert uns die Landschaft an das bolivianische Altiplano, nur grüner.

Da sind wir nun in der endlosen Landschaft Patagoniens, wo einem der Wind um die Ohren pfeift, wenn man nicht im Bus sitzt. Beim ersten Anblick sieht man nicht wie windig es ist, erst bei genauerem Hinschauen sieht man wie die kurzen Zweige der Büsche sich rasch bewegen. Aber natürlich weist auch die Baumlose Gegend und das kurze Gewächs darauf hin, welches nicht wegen den Schafen so kurz ist.

Geradeaus

Wenn auf der schnurgeraden, endlosen Strecke einem nicht ständig die gut in Schwung gehaltenen Zäune begleiten würden und einem daran erinnern, dass hier auch der Mensch seine Finger im Spiel hat, käme auch im gut gefüllten Bus fast das Gefühl des Alleinseins auf. Aber eben nur fast.
Irgendwie ist man ständig eingezäunt, die Augen schweifen gar nicht frei bis zum Horizont, stets eine Erinnerung, dass die Ländereien jemandem gehören.
Die Atlantikseite – sind wir ehrlich – ist gähnend langweilig. Eigentlich sind wir absolute Fans von weitem «Nichts», Wüsten, endlosen Landschaften und unaufhörlichem Horizont, aber das hier empfinden wir als sehr ermüdend und monoton.

... das gleiche Bild.

Links und rechts...

Die einzige Abwechslung sind die vielen Schafe, Ñandú (Vogelstrauss Art), Guanacos (Lama Art), Wildhasen und Flamingos, die wir ab und zu sichten.

Um nach Ushuaia zu gelangen muss man querdurch Chile fahren. Wir haben inzwischen eine total sinnlose Ansammlung an chilenischen/argentinischen Stempeln im Pass, denn es gibt kein Abkommen unter den beiden Ländern. Jedesmal derselbe Papierkrieg, Warterei und Kontrolliererei.
Einmal in Chile setzen wir mit einer Fähre nach Feuerland über. Bei der Überquerung der Magellanstrasse begleiten uns schwarz-weisse Delphine, die ein bisschen an Killerwale erinnern.

Auf Feuerland ändert sich dann endlich die Landschaft: verschneite Bergspitzen, Hügel, Seen und «verwindete» Bäume.

Endlich auf Feuerland, verändert sich das Landschaftsbild.

Je tiefer wir in den Süden fahren, umso kürzer werden die Nächte. Es wird sehr, sehr spät dunkel und sehr, sehr früh hell.

Ushuaia. Südlichste Stadt der Welt.

Eine witzige Beobachtung sind auch die Satelittenschüsseln. Die zeigen nicht wie in «normalen» Breitengraden ein bisschen in die Höhe, hier schauen sie fast geradeaus.

Nach weiteren zwölf Stunden Busfahrt (bei Tag, wegen der Fähre und dem Zoll) kommen wir erst spät Abends in Ushuaia an, was Bettmässig ein Problemchen ist: man muss nehmen was noch übrig ist.
Seit wir in Patagonien sind ist uns klar: keine persönlichen Pensionen mehr, Backpacker und Schlafsäle sind angesagt. Der Rest ist schlicht und einfach unbezahlbar. (Hier unten geht unsere Theorie nicht mehr auf…)
Wir dürfen mit 8 anderen Menschen ein winziges Zimmer teilen, alles ist übervoll, so auch die zwei einzigen Badezimmer. Typisches Backpacker-Frühstück: ein Minibrot mit einem Minikaffe. Grosse Regel: man darf nicht länger als 20 Minuten am Tisch sitzen. Ist bei der Grösse des Frühstücks auch nicht nötig. Am nächsten Morgen finden wir zum Glück etwas Besseres. Zwar auch Hostal, unglaublich teuer, aber für Ushuaia normal. Dafür bekommen wir hier auch was fürs Geld.
Im Vergleich zum Norden bezahlen wir in Ushuaia doppelt so viel, schlafen aber in Mehrbettzimmern. Ist doch eine verrückte Sache, nicht?

Wie schon vieles vorher stellten wir uns Ushuaia anders vor. Vielleicht kleiner? Aber die Stadt zeigt sich modern und recht gross. Ich weiss nicht warum wir vom «Ende der Welt» eine Dorf-Vorstellung hatten…?
In der Innenstadt gibt es alles fürs Touristenherz. Wir kommen uns wie in einem chicen, Schweizer Skiort im Sommer vor.

Panoramablick auf Ushuaia

Die Stadt ist aber hübsch gelegen. Im Hintergrund schneebedeckte Berge, vor ihr breitet sich der Beagle-Kanal aus.

Das Marketing der «südlichsten Stadt der Welt» trägt Früchte:

Das Ende der Welt

die Leute kommen in Scharen hierher und es werden einem schamlos die Pesos aus den Taschen gezogen. Wir treffen viel weniger Langzeittouristen als sonst. Patagonien kann man gut in ein paar Wochen besuchen und es ist sicher. Die meisten fliegen die grossen Distanzen, was wir gut verstehen können.

Friedliche Stimmung

Von La Quiaca kommen wir...

Eigentlich wollten wir hier unten Silvester feiern, hat dieser Zipfel der Erde doch symbolischen Wert für uns. Kommt dazu, dass einige Reisebekanntschaften hier eintreffen würden. Aber dieser Tumult hier ist nichts für uns. Wir haben das Gefühl Touristen und Einheimische leben nebeneinander her. Wir fühlen uns nicht wohl. Und sind wir doch einfach ehrlich: diese Gefühl haben wir nun schon ziemlich lange…

Dafür machen wir eine superschöne Bootstour in einem kleinen Fischerboot für sechs Personen und einem richtigen Seemann mit grossem Schnauz und Pfeife im Mundwinkel. Und das an dem einzigen perfekten Sonnentag, den wir hier unten haben (das Wetter kann sich halbstündlich ändern hier unten).

...

... treffen wir auf...

... Seehundkolonie.

Sonnen

Verliebt sein

Zuerst besichtigen wir eine Seelöwenkolonie, danach Besuch der «Insel H» (der Name kommt von der H-Form der Insel).
Wir bekommen eine wunderschöne Natur zu Gesicht überall herrliche, fragile Blumen, viele Vögel und eine riesige Bergkormoran-Kolonie. Ein wirklich lohnenswerter Ausflug.

Die

Flora

Panoramablick

... mit ihren Jungen.

Bergkormoran mit Jungem

Die Fahrt von Punta Arenas (Chile), welches wir nur kurz besuchen, nach Puerto Natales (Chile) ist zu guter Letzt nicht eintönig (und auch nicht so lang).

Überblick auf Punta Arenas

Die Fahrt nach Puerto Natales ist abwechslungsreich

Bis jetzt sind Feuerland (Tierra del Fuego) und allgemein der südliche Zipfel des Kontinents Landschaftlich am abwechslungsreichsten. Puerto Natales ist ein kleiner Ort, recht sympathisch, obwohl er sehr touristisch ist, da der berühmte Nationalpark «Torres del Paine» in der Nähe ist.

WAS für ein Wind!

Die Bäume stehen auch ohne Wind in Schräglage.

Wir finden das Städtchen recht schmuck, da auch hier die typischen Holzhäuschen (oft auch Blech in Farbe) zu finden sind und es in den Strassen so gut riecht. In Chile brauchen die Leute oft ihren Holzherd, auch wenn es nur zum Wärmen und Wasserkochen ist. So raucht es friedlich aus den Kaminen und duftet nach Holzfeuer in den Strassen. Irgendwie so stellten wir uns das vor… 😉

Für uns ist nun klar: Das Patagonien-Erlebnis wird kurz für uns. Die (zu) schnelle Reiserei macht uns müde, die vielen Touristen machen uns konfus, das stetige Weiterreisen bringt innerliche Unruhe. So wollen wir nicht weiter machen.

Wir fahren noch nach El Calafate, um dort den berühmten Gletscher «Perito Moreno» zu bestaunen. Es ist wirklich ein Wunder dieser Gletscher. Die gigantische Eismasse drückt sich in den Lago Argentino. Es ist einer der wenigen Gletscher, der nicht zurückgeht, sondern im Zentrum zwei Meter pro Tag (!) wächst. Wenn ein Stück Eis vom Gletscher abbricht und ins Wasser fällt, geschieht das mit einem unglaublichen Krachen und Knallen, eine Mischung aus Pistolenschuss und Donner. Sehr beeindruckend. Der Gletscher zeigt verschiedene Blaunuancen, die Details, Spalten und Stücke sind herrlich anzuschauen und erinnern manchmal an Styropor.

Die riesige Eismasse ist 50–55 Meter hoch und 14 Kilometer lang. Ein Gigant. Das verrückte ist, das wir hier im T-Shirt stehen, die Sonne brennt vom Himmel und wir beobachten ein riesiges Stück Eis, ziemlich nahe am Südpol. Wo ist der Whisky? 😉

DER Gletscher überhaupt:

14km langer Gletscher...

Ein Gigant

Friedlich schwimmende Eisstücke

Herrlichste Landschaft

Gletscherdetail

Nun geht es definitiv weiter in den Norden. Wir merken wie tiefste Müdigkeit und Erschöpfung über uns liegt, wir haben das Gefühl zwölf Stunden pro Tag schlafen zu müssen. Man kann sagen unsere «Harddisk» ist übervoll, die Busfahrerei hat uns völlig erschöpft und hängt uns zum Hals heraus.

Falls es ein nächstes Mal für uns gibt, um Patagonien zu besuchen, stellen wir es uns mit einem Fahrzeug und Campingausrüstung spannender vor.

Glücklicherweise müssen wir nicht mehr den gleichen Weg über die Atlantikküste zurück. Wir fahren die «Ruta 40» Richtung Norden nach Perito Moreno. (Die Stadt, nicht der Gletscher) Erst seit ein paar Tagen gibt es hier einen regulären Bus, der diese Rute abfährt. Gut für uns.

Auf der Ruta 40 Richtung Norden.

Links und rechts der nun unbefestigten Strasse das bekannte Landschaftsbild. Nach wieder einmal 16 Stunden Busfahrt fahren wir die noch kurze Strecke nach Chile. Übliche Rucksackkontrolle, ob man Früchte oder dergleichen dabei hat, Papiere ausfüllen, Stemplerei, weiter geht’s.

Wir landen in Chile Chico. Es gibt hier zwar absolut nichts zu tun, aber dies ist uns gerade recht. Hier fühlen wir uns seit langem wieder am richtigen Platz. Die Menschen sind extrem freundlich in diesem verschlafenen Nest, welches an einem wunderschönen See liegt. Wir haben nun nicht mehr das Gefühl eine Gruppenreise zu machen (da man sich im Süden ständig über den Weg läuft).

Von hier weg zu kommen wird ein bisschen schwierig, denn es fahren sehr selten Busse. Die Fähre auf die andere Seite des Sees fährt erst am Montag wieder. Wir nehmen die Situation wie sie ist und warten die drei Tage.
In Chile gibt es viele Möglichkeiten bei den Einwohnern zu übernachten. Entweder man guckt in einem Haus vorbei wo dezent «Hospedaje» aufgemalt ist, oder fragt jemanden. Meist heisst es dann: «Geh mal bei der Nummer 420 fragen». Genau so landen wir bei «Carmen Vieja» wie sie sich selber nennt. Sie hat uns sofort in ihr Herz geschlossen und bekommen ihr bestes Zimmer, wie sie sagt.
Bei ihr können wir kochen, immer wieder guckt sie was wir zusammenbrauen und plaudert aus dem Nähkästchen, am liebsten 24 Stunden, wenn sie könnte. Sie ist eine überaus liebenswerte Person und wir amüsieren uns prächtig bei ihr.
Sie zeigt uns einen Schatz: ihre Vorratskammer mit vielen Gläsern von Eingemachtem, Likören und Eingefrorenem. Wir dürfen überall dran schnuppern, probieren und begutachten.

Carmen gibt uns wieder den Elan, den wir in den letzten Wochen verloren haben, zurück und erinnert uns warum wir reisen. Begegnungen mit solchen Menschen geben uns die Energie, die man beim Reisen verbraucht, von solchen Situationen können wir zehren.
Der Rest der letzten Wochen saugt nur aus und gibt uns nicht viel zurück.

Es ist nicht die Art Tourismus die uns liegt, wir fühlen uns sowieso wohler in «chaotischen» Ländern mit alten Bussen, wo Damen zusteigen, um ihre Köstlichkeiten zu verkaufen. (Ja, ja, erinnert uns nur daran, wenn wir über die Klapperbusse meckern, wenn es zu chaotisch wird… 😉 )

Am Montag geht es weiter. Carmen verspricht uns ein gutes Essen zuzubereiten, wenn wir wieder einmal kommen. Per Fähre geht es über den zweitgrössten See Südamerikas, der patagonische Wind macht auch hier volle Arbeit, riesige Wellen preschen über unser Schiff hinüber.

Auf der Carretera Austral fahren wir durch eine wirklich schöne Gegend. Alles ist sehr waldig und grün, immer wieder tauchen ganze Teppiche an violetten Blumen auf. Hier fahren wir, wie auch schon kurz vor Ushuaia an immensen Strecken kahlen, toten Baumstämmen, die wie Zahnstocher in die Höhe ragen, vorbei. Viele liegen auch mitsamt der Wurzel einfach verstreut in der Gegend.
Es sieht nicht schön aus. Irgendwie wie wenn ein Wirbelsturm vorbeigezogen wäre. Ein Einheimischer im Bus erklärt uns, als 1918 die Bevölkerung Patagoniens begann und man ohne Probleme riesige Landstücke kaufen konnte, standen die neuen Einwanderer vor riesigem Wald. Da sie nicht «wussten» was sie damit anfangen sollen und Platz brauchten um zu bauen, brannten sie alles ab. Die Narben sind heute noch zu sehen, nach so langer Zeit.

Die Idee ist über die Carretera Austral und die Insel Chiloe nach Santiago zu gelangen. Mehrere Reisende berichten uns, dass der Norden der Carretera Austral geschlossen sei, von Puerto Chaitén fahre keine Fähre, weil Anfang dieses Jahr, die ganze Stadt evakuiert worden ist, wegen eines Vulkanausbruchs. Viel der Stadt sei zerstört, die Leute immer noch nicht zurückgekehrt.

Wir eintscheiden uns nach Puerto Cisnes zu fahren, um dort an Bord der Fähre zu gehen. Seit wir hier sind regnet es viel, der Himmel ist grau. Puerto Cisnes empfängt uns trotzdem sehr kitschig, über der Bucht schlägt ein Regenbogen seinen Halbkreis. Das Dorf ist reizend, ruhig und klein. Wir ergattern ein Ticket für den nächsten Tag. Hervorragend. Nun wird sich zeigen wie die 15 Stunden Fahrt werden…

Sonnenuntergang bei Puerto Cisnes

Auf der Fähre nach Chiloe (bei ziemlich dunklem Himmel...)

Am nächsten Morgen um sieben Uhr geht es los. Der Himmel ist Wolkenverhangen und schwarz. Die Fähre ist sehr gross, befördert auch Autos und Lastwagen. So ist die Wackelgefahr nicht gar so gross… Die Fahrt ist super schön. Wir tuckern an den Fjorden vorbei, holen in verschiedenen Nebenarmen an kleinen Häfen Leute ab. Schade, dass es meistens regnet und der Himmel verhangen ist. Kurz vor Ankunft in Quellon (Chiloe) fahren wir noch an einer Seehundkolonie vorbei.

Das viele Grün der Insel lässt einem schnell erkennen, dass Regen nicht nur im Moment oft vom Himmel fällt.

Typische

Die wieder typischen, farbigen Holzhäuser stehen hier meistens auf Stelzen. Chiloe ist bekannt für seine Kirchen. Nicht irgendwelche Kirchen, sondern sie sind gänzlich aus Holz gebaut. Sogar die Säulen (Früher sogar die Nägel). Das Innenleben strahlt durch das Holz sehr viel Wärme aus.

Die berühmten Kirchen von Chiloe sind komplett aus Holz

Holzkirche in Chonchi

Kurz vor Weihnachten landen wir dann in der chilenischen Hauptstadt. Wir laufen mit minimaler Energie und brauchen endlich einen Ort, um die Seele baumeln zu lassen, einen Ort wo wir einfach in den Tag hineinleben können, um neue Energie zu tanken und uns auf die Zukunft konzentrieren zu können. Dieser Ort wird aber nicht Santiago sein.
Wohin es uns verschlägt und wie es mit der zu Ende gehenden Latino-Reise weiter geht, erfährt ihr im nächsten Beitrag… 😉

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