1154 Tage Peru Südamerika

Manchmal genügt nur ein Satz…

>> Huancavelica, Peru
Am nächsten Morgen besuchen wir die Ruinen von Chavín, welche zum UNESCO Weltkulturerbe zählen. Wir haben sonniges Wetter, die Ruinen liegen in einer super Umgebung und überall grasen Lamas. Der Ort wurde von der Chavín-Kultur dazu genutzt, um Riten und Zeremonien abzuhalten.

Chavin: hübsche, grosse Augen...

Im Moment herrschen wirklich gute Wetterverhältnisse. Von Mai bis Oktober ist in den Anden Trockenzeit und man hat eine gute Fernsicht. Tagsüber, wenn die Sonne schein wird es sehr heiss und man bekommt schneller als man denkt einen Sonnenbrand in diesen Höhen. Die Nächte sind dafür klirrend Kalt.


Während wir auf der Stätte herumspazieren sehen wir einen amerikanischen Archäologen Zeichnungen filmen. Wir dürfen aber ohne Genehmigung nicht näher ran. JC meint dann zu einem Guide, dies sei doch wirklich schade, schliesslich sei das doch ein Teil der Kultur.
Dieser Satz ist wohl für Sergio, einen anderen Guide genügend, um uns anzusprechen. Er trägt eine grosse Kette aus Knochen und sonstigem Geklimper und hat was sympathisches an sich. «Wenn ihr euch wirklich für die Kultur interessiert, zeige ich sie euch. Das hier», und deutet auf die Ruinen, «ist zwar schön, aber Vergangenheit und nur Steine. Ich zeige euch die noch lebende Kultur.» In den Bergen habe es eine Gemeinschaft, welche zurzeit ein traditionelles Fest mit Tanz und Musik feiere. Er warte am Eingang auf uns.

Wir sind ein bisschen verwirrt. Wie seriös ist das gemeint? Vielleicht ist das nur eine Abzocker-Touri-Falle? Im Stil, kaum tauchen Touristen auf verkleiden sie sich und es wird getanzt? Wir wissen erstmal nicht was wir tun sollen.
Am Eingang treffen wir ihn tatsächlich wieder und entscheiden uns doch mit ihm zu gehen. Wer wagt gewinnt, nicht wahr?
Da wir unsere Rucksäcke dabei haben, können wir diese bei ihm zu Hause lagern. Sein Haus ist ganz farbig mit Zeichnungen am Eingang. Die Diele ist voll mit Umhängen, Fotos, Musikinstrumenten und sonstigen Utensilien. Sergio ist traditioneller Mediziner und eine sehr wissende und interessante Persönlichkeit.

Während wir im Taxi sitzen verfliegen auch unsere letzten Zweifel über diesen Ausflug. Denn der Taxifahrer fragt Sergio, was er denn mit uns da oben im Dorf mache. Uns die wahre Kultur zeigen, er finde, wenn man dies nicht gesehen habe, sei man nicht in Peru gewesen. Man müsse schliesslich die Menschen eines Landes kennen lernen. Da sind wir doch ganz seiner Meinung.

Ab dem 21. Juni feiern die Einheimischen in Ecuador und Peru alljährlich «Inti Raimi». Während mehreren Tagen wird das Sonnenfest zelebriert. Das wussten wir, aber das grosse Fest ist vor allem in Cuzco und inzwischen ein grosser Touristenmagnet. Aber was wir heute sehen werden schlägt alles Erträumte. Während ich diese Zeilen schreibe kann ich es immer noch kaum fassen, dass dies wirklich uns passiert ist…

Wir landen nach etwa einer halben Stunde in einem kleinen Dörfchen mit Adobe-Häusern, (luftgetrocknete Lehmziegel) umgeben von grünen Bergen, bestellten Feldern, herumgackernden Hühnern und grunzenden Schweinen. Idylle pur. Sergio meint er stelle uns allen vor, dann seien wir ein Teil von hier und können auch Fotos machen. Das sind ja Nachrichten, denn oft steht die indigene Bevölkerung verständlicherweise ein bisschen kritisch diesen Apparaten gegenüber.

Wir kreuzen die ersten Leute und Kinder, die uns sehr neugierig beobachten. Beim Hauptplatz ankommend können wir es kaum fassen.

Inti Raimi Sonnenfest

Musik wirbelt uns entgegen, tanzende Menschen bewegen sich zu Trommelrhythmen. Sergio stellt uns einer wichtigen Person des Bürgermeisters vor. Dieser nimmt uns zum Hauptplatz mit. Ich glaube wir wären noch Minutenlang mit offenem Mund am Rande gestanden, wenn mich nicht spontan eine uralte Frau umarmt hätte, mich küsst und sich unheimlich freut, dass wir da sind. Wie alte Freunde. Es ist wahnsinnig. Alle begrüssen, berühren und umarmen uns, löchern uns mit Fragen. Keine Minute später haben wir schon «Chicha», ein Getränkt aus gegärtem Mais in der Hand. So viel Freude, Wärme und Herzlichkeit hätten wir wirklich nicht erwartet.

Eine sehr hübsche Frau, Carmen, mit überraschenderweise kurzen Haaren und westlichen Kleidern nimmt mich unter ihre Fittiche. Sie erklärt mir alles, übersetzt Quechua auf Spanisch und ist einfach eine angenehme Begleiterin.

Wir schauen den ausschliesslich männlichen Tänzern zu. Die Frauen haben an einem anderen Fest ihre Tänze. Inzwischen ist auch Sergio umgezogen und tanzt mit und ist völlig in seinem Element.

Sergio in Montur

Die Hüte sind schwer, mit riesigen, zum Teil gefärbten Kondorfedern geschmückt. Die Männer tragen eine farbige Wadenverkleidung mit Glöckchen und einen farbigen Umhang. Früher sah der Umhang sicherlich anders aus, aber es geht vor allem darum, dass man farbig gekleidet ist. Was dazu führt, dass manche Badetücher mit Mickey Maus und Spiderman, oder Weihnachtsmotiven tragen.
Ein Stock und ein Holzstück, welches wie ein kleines Bügeleisen aussieht sind Tanzutensilien. Früher, wird mir erklärt, sei das «Bügeleisen» eine grosse, runde Holzplatte mit Griff gewesen, was die Sonne symbolisierte. Nur zwei Männer schlagen rhythmisch auf eine Trommel und halten mit der anderen Hand eine 3-Loch-Flöte.
Für uns sieht es aus, als habe der Tanz keine wirklichen Regeln. Aber das täuscht. Mit dem Stock und der symbolischen Sonne muss man genaue Bewegungen machen, nicht zu vergessen sich in die richtige Richtung zu drehen und folglich auch die Füsse korrekt zu bewegen.
Und es wird alles, trotz dem vielen «Chicha» sehr seriös gemacht. Einmal bewegt sich ein Tänzer falsch, oder tanz einfach nicht korrekt genug, da wird gleich eine Versammlung einberufen, die wichtigen Leute und der Ältestenrat entscheiden dann, dass er nicht mehr mittanzen darf…

Auf dem Weg zum Bürgermeister

Nach einer Weile pilgern alle, inklusive uns, zum Bürgermeister hoch. Während dem kurzen Marsch wechseln sich unsere «Befrager» ab, es macht wirklich Spass sich mit allen zu unterhalten, so gut es geht all den Fragen gerecht zu werden.
Es wird sehr gut auf uns aufgepasst. Immer wieder, wenn jemand «zu lange» mit uns spricht kommt eine andere Person und meint: «He, nerv ihn nicht.» Wir mussten jedes Mal versichern, dass es uns gut geht und wir uns nicht gestört fühlen.

Als ein junger Mann mit ein bisschen viel «Chicha» intus (schliesslich ist heute der letzte, von vier gefeierten Tagen…) auf JC zukommt und sich ein bisschen an ihn lehnt, meint dieser auf Quechua: «Hmmmm… du riechst aber gut!» Grosses Gelächter, Carmen meint nur zu ihm, es genüge sich ab und zu mal zu waschen ;-).

Beim Bürgermeister angekommen werden wir wieder liebevoll begrüsst, Hände werden geschüttelt, wir werden zum x-ten Mal willkommen geheissen. Der Bürgermeister meint wir seien die ersten «Gringos», die je in sein Dorf gekommen seien! Klar, alle haben schon «Gringos» gesehen, aber im Dorf hier war noch nie jemand. Wir sind natürlich überrascht und gleichzeitig fühlen wir uns sehr geehrt…

Ein Teil des Ältestenrats

Wir setzen uns mit dem Bürgermeister zum Ältestenrat in ein kleines, offenes Häuschen. Der Ältestenrat, die traditionellen Chefs haben gleichviel zu sagen, wie der politisch gewählte Bürgermeister. Alle Probleme werden hier untereinander besprochen.

Es wird wieder getanzt, wir werden aufgefordert mitmachen, die Einheimischen freuen sich, es wird ausgelassen gelacht und gefeiert.

Manu schwingt das Tanzbein ;-)

Eine farbenfrohe Sache

Regelmässig werden unsere Becher mit «Chicha» gefüllt. Man will den Fremden einen guten Eindruck hinterlassen und sie verwöhnen. Wir fühlen uns total wohl, gut aufgehoben und einfach glücklich.
Die Menschen kommen zu uns, sprechen manchmal nur Quechua und sind erstaunt, dass wir nichts verstehen ;-).
Aber ich kann es nur wiederholen, wir werden derart herzlich betreut und freundlich Empfangen, dass JC und ich uns nur ansehen und all das kopfschüttelnd kaum glauben können.

Unter dem Dach des kleinen Häuschens werden wir natürlich auch von den Ältesten befragt, es wird diskutiert. Ein alter Mann ruft JC «Gringo» zu. Aber die anderen meinen harsch, dass dieser «Gringo» auch einen Namen habe und er diesen gefälligst zu benutzen habe. So ist JC ab sofort der «Gringo-Juan» 😉

Wir werden zum Essen eingeladen. Es gibt eine Suppe, danach Reis mit Kartoffeln an einer leckeren, ziemlich scharfen Sauce mit Fleischstückchen. Alle wollen dabei sein, wir fühlen uns wie Könige. Nach dem Essen gibt es noch «offizielle» Fotos. Wir müssen lachen, weil ein Junge mit unserem Apparat unbeholfen versucht ein Bild zu schiessen. Da er aber beide Augen offen hat, ist die Gruppe links abgeschnitten 😉
Wir knipsten zwar auch Fotos, aber geniessen vor allem das Fest, den Tanz und die Menschen. Das gute an einer Digitalkamera ist, dass man den Leuten gleich sofort die Bilder zeigen kann. Sie kreischen vor Entzücken oder lachen sich halb tot, wenn sie sich selber sehen.

Danach laufen wir wieder zum Hauptplatz runter, wo die Tänzer in vollem Gange sind. Was uns ehrlich am Meisten beeindruckt ist, dass all dies am heutigen Tag aus freien Zügen geschieht. Niemand will Geld von uns, niemand zieht einen Nutzen daraus. Nichts. Im Gegenteil. Alle wollen uns zum Essen einladen. Wie bringt man diesen lieben Menschen nur bei, dass man doch schon vollgegessen ist, ohne sie zu beleidigen? Aber als wir sagen, dass wir mit dem Bürgermeister schon gegessen hätten, zeigen alle Verständnis.

Es wird gefeiert, man bedankt sich bei uns, dass wir hier sind, was wir natürlich auch tun.
Am Hauptplatz meint Sergio, wenn wir etwas zum Fest beitragen wollen, können wir eine Kiste Bier kaufen. Logisch, das ist das Mindeste, was wir tun können.

Trommel und Flötentänze

Zuschauer

Unsere spendierte Kiste Bier kommt gut an

Da aber seit vier Tagen schon fleissig getrunken wird, haben wir erstmal Mühe noch Bier zu finden ;-). Aber wir werden fündig und das Geschenk wird erfreut entgegen genommen, in die Mitte gestellt und umtanzt.

Ich frage mich zuerst, warum die Bierverkäuferin für eine ganze Kiste Bier nur einen Becher mitgibt, verstehe dann aber warum: hier trinkt man miteinander aus einem Becher. Man nimmt eine Flasche Bier, den Becher, füllt diesen, gibt die Flasche an den weiter, mit dem man trinken möchte. Dieser wartet mit der Flasche in der Hand bis man den Becher leer getrunken hat. Aber der letzte Schluck ist für «Pacha Mama», die Mutter Erde und wird zu Boden geschüttet. Danach gibt man den Becher dem Flaschenhalter und so geht das weiter. Es ist faszinierend und spannend. Man möchte ja so wenig wie möglich falsch machen.

Sergio meint, wir sollten uns vor Dunkelheit auf den Weg nach Chavín machen. Es wird schwierig von hier weg zu gehen. Manuel, der völlig entzückt ist, dass er und ich fast gleich heissen, will uns noch ein Stück Land schenken. Er habe so viel. Ich glaube wir könnten morgen mit Bauen anfangen.
Wir könnten uns alle bei so viel Groszügigkeit eine Scheibe abschneiden, gleichzeitig möchte man diesen Menschen sagen: «Seid nicht so lieb, es gibt Leute, die das skrupellos ausnützen…!»
Grosser Abschied, wir verlassen dieses friedliche Dorf und machen uns zu Fuss auf den Heimweg.
JC und ich müssen ein total bescheuertes Grinsen auf dem Gesicht haben, niemand sagt etwas, jeder ist in seinen Gedanken, Bildern und Erlebnissen versunken.

Sergio meint, nun hätten wir die Herzlichkeit dieses Dorfes und die Kultur seines Landes kennen gelernt. Wir sind mehr als sprachlos, bedanken uns tausendmal bei ihm.
«Warum hast du ausgerechnet uns hierher genommen?», fragen wir ihn. «Ich fand ihr habt das «cariño» – das Liebevolle – und den Respekt vor den Menschen und interessiert euch für meine Kultur». Wir sind baff, geehrt, stolz, was auch immer, können es einfach nicht glauben.

Der Abschied von Sergio ist dann doch traurig und schwer. Wir verbrachten einen Tag, den wir sicherlich nie mehr vergessen werden.

Abends nehmen wir den Bus nach Huaraz zurück, weil wir am nächsten Morgen weiterfahren wollen. Den Kopf voller schöner, farbiger Bilder, mit Erinnerungen an erlebte Anekdoten. Obwohl wir hundemüde sind, können wir kaum einschlafen, heute ist viel passiert.

Huaraz ist nach all dem natürlich sehr ernüchternd. Wir wissen dass ein paar lange Bus-Tage folgen werden, weil wir nach Huancayo möchten, um dort endlich den Zug nach Huancavelica nehmen zu können. La Unión, Huánuco und Huancayo sind nicht wirklich erwähnenswert. Städte ohne grossen Charm, gerade gut genug, um den Bus zu wechseln. Wir brauchen zwei Tages- und eine Nachtreise, um zu unserem Ziel zu gelangen. Und dann: die Enttäuschung. Seit einem Monat fährt wegen Arbeiten der Zug nicht mehr! Erst ab August wieder…
Da wir per Nachtbus gekommen sind, flüchten wir am gleichen Morgen noch von hier. Statt im Zug fahren wir halt per Bus nach Huancavelica.
Das ist ein guter Entscheid, denn Huancavelica ist kleiner und charmanter. Hier suchen wir uns als erstes ein gutes Zimmer und ruhen uns mal ein paar Tage aus. So viel Bus hintereinander ist ziemlich anstrengend.

Hier sind wir nun und nehmen es gemütlich. Wir melden uns wieder, wenn es weiter geht. Bis bald wieder…

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