1154 Tage Frachtschiff Zentralamerika

Land in Sicht!

›› Pointe-à-Pitre, Guadeloupe
Schon am Vortag kündigt sich das Anlaufen eines Hafens durch diverse Räumarbeiten und sonstige Vorbereitungen an. Es herrschen Spannung und reges Tun auf dem Schiff.
Die eigenen Kräne werden kontrolliert und in Position gebracht, da und dort wird gehämmert. Der regelmässige Rhythmus des offenen Meeres wird unterbrochen. Kein Rostklopfen mehr, kein gepinsle.
Ungeduld und Neugier auf das bald auftauchende Land kommen auch bei uns auf.
Dann, plötzlich: Land in Sicht! Ein im Dunst liegender Inselbuckel zeigt sich am Horizont. Fertig mit der Aussicht ohne irgendein Hindernis im Blickfeld.

Die Lichter von Pointe-à-Pitre begleiten uns schon und knapp vor dem Hafeneingang kommt der Lotse, welcher von einem Boot mit halsbrecherischer Akrobatik über eine Leiter kraxelt, zu uns an Bord. Langsam tauchen wir in die Lichter des Hafens ein, die nun schon vertrauten Containerkräne tauchen auf.
Mit klaren Anweisungen (oder wie soll man auf so einem Riesending «a little bit more…» verstehen? 😉 ) manövriert der Lotse den Frachter an seinen Platz.
Beeindruckenderweise diesmal ohne Schlepper! Wenn man bedenkt, dass man mit Seitwärtsparkieren auch so seine Schwierigkeiten haben kann, er dies aber selbstsicher mit einem tonnenschweren Schiff erledigt… Hervorragendes Spektakel!

Nun liegen wir im Hafen von Guadeloupe, die Luft fühlt sich feucht an. Wir haben nach neun Tagen auf hoher See wieder festen Boden unter den Füssen. Immernoch wackelig passen wir automatisch unser Gleichgewicht an. Ein bisschen Nostalgie kommt schon auf, wenn man an die vergangenen Tage der Atlantiküberquerung zurückdenkt…

Die gute Woche auf offenem Meer ging eigentlich sehr schnell vorbei. Die Dimensionen des Ozeans, die Entfernung zwischen Europa und den Antillen konnte so, nicht wie im Flugzeug, richtig erfasst werden. Eine Menge Wasser liegt dazwischen. Das Leben auf der M.V. Segovia geht gemütlich zu und her. Nach dem Frühstück spielen wir meist (auf einem schaukelnden Schiff!) ein paar Runden Pingpong, danach Lektüre verdrücken und auf dem Oberdeck verträumt den Wolken zuschauen.


Wir haben sogar den Luxus eines Liegestuhls auf dem Sonnendeck, was natürlich nicht ohne ist. Umgeben von wahnsinnig viel blauem, dunklen Meer hat man ewig Zeit die Seele baumeln zu lassen. Und da man sowieso alles viel langsamer angeht, ist meist schon Mittagszeit. Obwohl sich die Müdigkeit nach den ersten Tagen ein wenig gelegt hat, spricht nichts gegen eine kleine Siesta.
Da man jeden Tag spüren konnte, wie es wärmer wurde, nahmen auch unsere Kleiderschichten ab. Das Wetter war mehrheitlich sehr gut. Einmal regnete es, stürmte aber nicht, wobei es in dieser Nacht ziemlich ruckelig war. Der Frachter ist zwar stetig am hin- und herschaukeln, mit der Zeit gewöhnt man sich sogar daran und merkt es gar nicht mehr, ausser die Suppe schwappt über den Tellerrand…

Alle paar Tage stellen wir hier auf dem Schiff die Uhr eine Stunde zurück, was die Zeitumstellung natürlich sehr angenehm macht. Man glaubt es vielleicht kaum, aber ein Tag vergeht wirklich schnell. Gespickt mit den vielen Essenszeiten, dem Auskundschaften des Frachters, den Meeres- und Himmelsbeobachtungen und sonstigen Gegebenheiten ist ohne dass man sich besinnt schon Abend. Die Sonnenuntergänge hier auf dem Schiff sind auch wunderschön. Nicht endende Weite, Meer, kräuselnde Wellen und ein spektakulärer Himmel, einfach perfekt.
Einmal am Tag fragen wir den wachhabenden Offizier im Deckhaus nach unserer Position. Als wir noch in der Nähe der Azoren waren (welche wir übrigens nur umfahren haben), hatten wir wenigstens noch Anhaltspunkte, welche aber in den darauffolgenden Tagen immer weniger wurden. Aber der Sergej, 1. Offizier und sehr sympathischer Mann, erklärt einem auch so sehr gerne all seine tollen Instrumente und Karten, Lämpchen und Messgeräte. Obwohl er diesen Kahn gar nicht ausstehen kann. Er sei viel zu alt, und habe immer Probleme damit (von welchen wir zum Glück nichts mitbekommen…) 😉

Eines Tages hatten wir sogar Glück! Die Nase im Wind, das Meer mit zugekniffenen Augen nach was auch immer absuchend, sprang zu unserer Überraschung ein Delfin links von uns aus dem Wasser! Hei, das liess unser Herz schneller klopfen. Mehrmals hintereinander demonstrierte er uns sein Tänzchen, begleitet zweier anderer Artgenossen, welche unter der Wasseroberfläche blieben. Kurz darauf kamen noch fliegende Fische daher! Das war natürlich genial.

Der Frachter ist knapp 170 Meter lang und wenn man zuoberst auf der Kommandobrücke steht, ist es, als ob man von einem etwa sechsstöckigen Haus herunterschaut. Die ganze Mannschaft besteht aus 29 Arbeitern, von denen 10 irgendwelche Offiziere sind. Wie schon erwähnt, alles russischsprechende Leute. Nur die Offiziere sprechen ein bisschen Englisch. Trotzdem wurden wir von Anatol, dem herzlichen und sympathischen «Motormann» eines Abends zu mehreren Bieren eingeladen. Er kippte sein Hopfengebräu in so einer Windeseile runter, dass uns hören uns sehen vergingen. Obwohl wir uns schon mit Händen und Füssen verständigten, sprach er am Schluss nur noch russisch mit uns, was wir auch zu verstehen glaubten 😉 Auf alle Fälle war es ein lustiger Abend.
Nach dem x-ten Mal hören seiner ukrainischen Hochzeitsmusik verliessen wir seine warme, lärmige und nach Frachter riechende Kajüte vom –1 hoch zu uns in die wohltemperierte, weniger lärmige und helle Kabine auf Deck 4… wie ungerecht die Welt doch ist…

Den Motorraum dürfen wir anscheinend nicht besichtigen. Auch nach Anfrage an den Kapitän nicht. Warum auch immer…

Am Morgen vor Ankunft in Pointe-à-Pitre lehnten Gerhard, der deutsche Passagier und wir zwei, stumm an der Reling. Jeder in Gedanken versunken, schweiften die Augen über das Meer. Fliegende Fische gab es nun mehr als genug zu sehen.
Dann tauchte hinter einem Kran ein Schatten auf. War da ein Brodeln und Spritzen zu hören? Schon mehrmals haben wir uns von den weissen Kronen der kräuselnden Wellen irritieren lassen, aber nun schwamm doch tatsächlich ein Wal an uns vorbei! Gemächlich und uns mit einer Wasserfontäne begrüssend zog er am stählernen Riesen vorbei. Was für ein Schauspiel!

Eine Woche Frachtschiffreisen haben wir noch vor uns und ziehen durch das Karibische Meer. Mal schauen, was wir dort noch so alles entdecken können. Heute können wir den ganzen Tag hier verbringen, dann geht es wieder weiter.  Wir werden die nächste Insel, Martinique, anpeilen und eine weitere, weisse Schneise durch das dunkelblaue Meer ziehen.
Bis bald wieder meine Lieben.

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