1154 Tage Zurück in Europa

Good old Europe

Nach etlichen Stunden Verspätung landen wir in Casablanca (Marokko) um gleich noch den ganzen Tag im Transit-Bereich zu verbringen. Es gäbe sicherlich schönere Orte um die Zeit tot zu schlagen. Ich fülle diesen Eintrag nun nicht mit vielen genervten Zeilen über die «Royal Air Maroc» und deren bescheuerten Flughafen.
Es geht einfach alles schief, was schief gehen kann. Wir werden vertröstet, verarscht und nicht informiert. Warum ausgerechnet heute, beim nach Hause fliegen?
Als der Wahnsinn mit Händen zu greifen nah ist, geht es, zwölf Stunden zu spät, schon 36 Stunden wach, doch weiter.

Am Flughafen von Marseille, wo niemand mehr an ankommende Gepäckstücke glaubt, erblicken wir zwei grinsende Gesichter am Ausgang. Das Glück ist uns doch noch ein wenig hold: Das Gepäck kommt an und unsere zwei Freunde haben uns auch nicht im Regen, sprich am Flughafen stehen lassen. Es ist Mitternacht: wir abgekämpft, die beiden putzmunter aber wir sind in Europa – der Wahnsinn!

Vielleicht ist es gerade gut im Dunkeln zu François zu fahren. Denn schon nachts sind wir «schockiert» über die wahnsinnig guten Strassen. Und dann das Licht überall! Ist in Afrika die Sonne untergegangen gibt es kein bis sehr wenig Licht in den Strassen. Nicht einmal einen Prozentteil hiervon. Hier sind die Strassen taghell erleuchtet, der Parkplatz des grossen Einkaufszentrums leuchtet in seiner ganzen Pracht, als erwarte man noch einkaufswütige Kunden um diese Zeit. Ganz zu schweigen von den vielen Leuchtreklamen. Und uns sagt man, was für Stromfresser Geräte auf Stand-by-Betrieb seien.

Waldblick

Die Cevennen sind der südliche Ausläufer des französischen Zentralmassivs mit einem grossen Nationalpark. Und genau da fahren wir hin. François darf hier einen kleinen Flecken Erde eines Freundes mitbenutzen, worauf seine Jurte steht. Ruhe und Natur pur – genau das was wir nun brauchen.

Von Müdigkeit plötzlich keine Spur mehr. Die Freude des Wiedersehens ist gross, welches beinahe in ein kleines Fest in der schaurig gemütlichen Jurte ausartet.
Es wird schon wieder hell. Nun sehen wir zum ersten mal, wo wir gelandet sind: vor uns erstreckt sich die ganze Schönheit der Cevennen, grüne, weiche Berglandschaften mit tausenden von Kastanienbäumen.

Die Cevennen

Und das auf dem Gang zur Toilette. Genau, die ist nämlich draussen. Ebenso die Dusche. Aber das erschreckt uns nicht wirklich. Im Gegenteil. Wir fühlen uns gleich pudelwohl und verlieben uns in die Gegend und in die Jurte.

Outdoor Küche und Dusche ;-)

Die Augenlider werden doch noch schwer und man übergibt uns das Schlafgemach in der Jurte. Wir dürfen solange bleiben wie wir wollen. Das nenn ich ein Angebot. Wir können den beiden nicht genug Danken. Der Empfang ist prima, der Ort perfekt, die Gastfreundschaft einwandfrei.

Die Jurte

Fast zwei Wochen verbringen wir in der Natur und der Jurte. Spannen aus, geniessen das Umfeld, pflanzen Tomaten oder plaudern. Dann jedoch zieht es uns weiter. Obwohl wir am liebsten hier bleiben würden, gibt es noch einen Abstecher zu JC’s Vater nach Montpellier.

Die Zugfahrt ist natürlich vom Feinsten. Pünktlich wie eine Schweizer Uhr verlässt der Zug den Bahnhof. Wir staunen über die minutengenaue Abfahrt, die Beinfreiheit im Zug und allgemein den ganzen Komfort. Doch richtig «hier» sind wir noch nicht. Montpellier gibt uns dann den nächsten Kulturschock-Schub. Die vielen Menschen, die knapp bekleidet am Bahnhof herumstehen, verwirren uns. Überall wimmelt es von Menschen, die durch die Strassen hetzen und irgendeine Form von Nahrung zu sich nehmen. Es herrscht Hektik, wir quetschen uns ins Tram, staunen über die rüde Art der Menschen und fahren mit offenem Mund aus der Stadt. Neben mir steht eine Afrikanerin mit viel Gepäck. Was sie wohl denkt?

Der Besuch in Südfrankreich fällt kürzer aus, als gedacht. An und für sich wollten wir noch hier und dort Reisebekanntschaften besuchen. Aber wir fühlen uns einfach nicht mehr fähig dazu. Keine Reisen mehr, kein Fortbewegen mehr.
Wir beschliessen ganz spontan den Kreis zu schliessen. Am Vortag kaufen wir ein Ticket, um den Rückweg anzutreten. In der Schweiz sagen wir niemandem etwas, es soll eine Überraschung werden.

In Genf ist man schnell, an der Grenze steht sowieso keiner, niemand kontrolliert die grosse, blaue Afrika-Tasche, die wir hinter uns her schleppen. Ein einfacher Grenzübergang. 😉 Dann sitzt man bald in einem Schweizer Zug. Den ersten seit über drei Jahren. Ein sehr komisches Gefühl.

Die Landschaft zeigt sich von ihrer besten Seite an diesem schönen, sonnigen Tag. Die glitzernden Seen sind mit kleinen, weissen Booten bestückt. Auf der grünen, saftigen Landschaft tummeln sich wohlgenährte Kühe, die Berge stehen gross und massiv im Hintergrund. Auch ohne Grenzübergang sieht man, dass man in der Schweiz ist. Die Felder sind perfekt und mit dem Lineal über die Hügel gezogen. Nimmt man in der Schweiz Winkel und Pinzette um die Landschaft zu bändigen? Kein Getreidehalm scheint falsch zu stehen. Hier zeigt man Mutter Natur noch, wer der Meister ist. Ein leicht steriles Gfühl kommt auf – der Anblick ist ein wenig verwirrend.
Und diese vielen roten Tupfer die sich im Wind bewegen? Wieso stehen so viele Fahnenstangen in den Gärten? Haben die Einwohner Angst, dass man durch Ihr Land fährt ohne zu merken, wo man sich befindet?

Durchs Staunen vergeht die Zugfahrt flott. Sie endet nicht in Zürich, denn ja, dort wohnen wir gar nicht mehr. Über Aarau fahren wir in einem winzigen Zug zum Haus meiner Mutter und ihrem Freund – in den tiefsten Aargau.

Und stehen dann vor verschlossenen Türen.

Das hat man nun davon, wenn man einen Überraschungs-Überfall machen will… 😉
Um es kurz zu machen: wir werden einsam und verlassen vor der Haustüre aufgelesen und eingelassen ;-). Nun verstecken wir uns ein bisschen ziemlich… Vor den vielen Fahnen und den perfekten Feldern. Wir stehen unter einem totalen Kulturschock und melden uns sobald es besser geht…

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