1154 Tage Argentinien Bolivien Südamerika

Gibt es in Argentinien Vegetarier?

>> Sucre, Bolivien
Obwohl wir im Zug nach Tupiza nur die günstigste Klasse «Popular» nehmen, müssen wir nicht wie gedacht auf Holzbänken zur Grenze reisen. Die Fahrt ist recht bequem und geht rasch vorüber.

Im Zug von Tupiza nach Villazón

Diverse Leute warten

Wir laufen durch das Städtchen Villazón bis zur Landesgrenze. Hier gewohntes Chaos: viele Menschen, Marktgemenge, Esswaren und Geldwechselstuben.

Die Warteschlange ist lange beim bolivianischen Immigrationsbüro. Wir warten ewig bis der Beamte den Ausreisestempel in den Pass reindrückt. Aber im Gegensatz zum unfreundlichen Grenzbeamten bei der Einreise ist dieser hier ein witziger Kerl und nimmt sich für ein Schwätzchen Zeit. Vielleicht der Grund des langen Anstehens? 😉

Und da Argentinien noch eine Stunde Zeitverschiebung hat, wird der Tag lange. Als wir endlich den Fuss auf argentinischen Boden setzen können, lacht uns schon die erste Strassentafel entgegen: Ushuaia 5121 Kilometer. Das hört sich nach viel Bus fahren an…

5121 km nach Ushuaia!

Das nicht unsympathische Grenzstädtchen La Quiaca ist anders als alle anderen: ruhig, geordnet und angenehm. Wir kommen an einem Spielplatz vorbei mit funktionierenden Geräten, die Farbe blättert nirgends ab, Häuser stehen gerade und auch sonst sieht alles sehr «vital» aus. So ist das also in Argentinien…

Auch der kleine Terminal ist nicht ohne: grosse, chice, glänzende Busse warten auf, alle in recht gutem Zustand. Was sich dann auch in der Geldbörse bemerkbar macht, als wir ein Ticket lösen.

Bequemes Reisen zahlt man. Wir sitzen in einem «Semi-Cama», was wir zum Teil nicht mal bei Nachtfahrten in Bolivien hatten…

Das Staunen geht weiter, als wir auf der gut geteerten Strasse davon rollen. Immer wieder ziehen Strassentafeln an uns vorüber, die dem Autofahrer tatsächlich das Leben erleichtern sollen. Ortstafeln, Abbiegungshinweise, Kilometerangaben. Für euch normal, aber in Bolivien eine Seltenheit, wenn gar innexistent!

Wir kommen endlich – wenn auch spät – in Tilcara an und stürmen eigentlich direkt in eine «Parrilla» – wir wollen endlich in den Genuss gegrillten Fleisches kommen. Es ist herrlich.

Tilcara stellt sich am nächsten Tag bei Helligkeit als hübsches Örtchen mit guter Stimmung dar.

Ein kleiner Platz mit täglichem Kunsthandwerk-Markt, kleinen Lädchen mit Kunstwaren, farbig angemalte Mauern und kunstvoll verzierten Ladenschilder.

Es ist für uns alles ein bisschen ungewohnt, beinahe zu sauber und europäisch, anfänglich fast ein «Kulturschock». Wir brauchen unsere Zeit.

Aber wir fallen nicht mehr so auf wie bunte Hunde, die Leute gucken uns auch nicht mehr mit offenem Mund hinterher – sehr erholsam! 😉

Ein bisschen ist die indigene Bevölkerung noch vorhanden, hier lebt sie aber bunt gemischt mit den Weissen zusammen. Es ist das erste Mal, wo wir weiss-indigene Familien sehen. Die Leute scheinen stolz auf ihre Kultur zu sein und sich zu respektieren. Das ist schön anzusehen, hatten wir in letzter Zeit eher das Gefühl, dass man nebeneinander her, statt miteinander lebt…


Tiefe Schluchten


Haushohe Kakteen

Die schöne Quebrada de Humahuaca, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehört ist sehr schön. Bergformationen in verschiedenen Farben, zum Teil tiefstes rot und riesige, baumhohe Kakteen. Eine willkommene Abwechslung zur gelb-grauen Altiplano-Landschaft Boliviens.

Nach dem Mittagessen ist in Argentinien bis etwa 17 Uhr alles geschlossen und wie ausgestorben: ausgedehnte Siestazeit. Danach erwacht langsam wieder alles und die Leute sitzen mit ihrem Mate-Tee im Park und essen «Zvieri». Muss man auch, denn gegessen wird erst wieder ab 20 Uhr. Das Essen wird hier wieder richtig «zelebriert» mit enorm viel Fleisch und natürlich Rotwein. Für uns ein tägliches Festessen: kein Reis, kein Huhn. Unser Magen bekommt eine Rind- und Lamafleisch-Kur.

In der Quebrada besuchen wir noch Humahuaca, ein kleines, herziges Dörfchen, spazieren ein bisschen in der Natur herum und fahren dann noch in die grössere Stadt Salta.

Kirche in Salta

Die meisten Grossstädte, die wir kennen gelernt haben sind laut, chaotisch und unansehnlich, aber in Salta werden wir eines besseren belehrt. Kaum jemand hupt, der Rechtsvortritt wird eingehalten und uns Fussgänger lässt man sogar wieder den Vortritt. Uns fällt auch auf, dass es hier nun wieder mehr private Fahrzeuge, als Taxis hat. In den anderen Ländern ist es genau umgekehrt. Da gibt es mehr Taxis als private Wagen, denn wenige können sich ein Auto leisten.
In der grossen Stadt sind die Leute sehr freundlich und hilfsbereit. Man kann keine Minute einfach so durch die Gegend schauen, schon bietet jemand seine Hilfe an. Ernsthafte Konkurrenz für die Kolumbianer 😉

Wir kosten diverse Köstlichkeiten. Unter anderem die Empanadas. Die sind derart schmackhaft, dass die Mexikaner schlafen gehen können 😉 Vom Wein ganz zu schweigen, der ist noch dazu unverschämt günstig. Das Fleisch ist natürlich sehr gut, obwohl wir feststellen, dass es eigentlich nur Grilliertes gibt. Dann muss man auch noch die Beilage separat dazu bestellen. Ich meine, wer isst denn schon einen Teller voll Fleisch? Was wirklich lecker ist: Lamafleisch. Sieht aus wie Schweinefleisch ist aber saftig und sehr geschmackvoll, ähnlich wie Rindfleisch.

Aber genug vom Essen erzählt. In Salta lässt es sich auch sonst gut leben. Eines Abends werden wir von Valeria, die Putzfrau und gute Seele des Hostals, zum Geburtstag ihrer kleinen Tochter eingeladen. Sie findet schliesslich kämen wir von verschiedenen Kulturen, da sei es immer interessant sich auszutauschen. Wie wahr.

Viele Erwachsene, die in der Küche sitzen und noch viel mehr Kinder die überall herum tollen. Man isst eine Kleinigkeit und plaudert. Wir werden herzlich aufgenommen, wie wenn wir ein Teil der Familie wären. Argentinische Gastfreundschaft. Valeria erzählt ganz offen über die Hochs und Tiefs ihrer Familie und das Leben, was uns sehr berührt. Würden wir in Europa mehr, offener und ehrlich über das Leben miteinander reden, würde man merken, dass jeder «sein Rucksäckchen zu tragen hat»…

Es ist nicht immer einfach dem extrem schnellen Spanisch der Argentinier zu folgen. Kommt dazu, dass sie aus diversen Buchstaben ein «tsch» machen. Gewohnheitsbedürftig. Aber es ist ein sehr schöner Abend und sind fast die letzten, die das Haus verlassen.

Uns wird noch ans Herz gelegt nach Cafayate zu fahren – warum nicht?

Die Fahrt führt zuletzt durch die rote Quebrada und ist wunderschön.

Rote Erde überall

Zum Glück, denn die Fahrt an sich ist ziemlich «abenteuerlos», es ist ein bisschen wie in Mexiko: Gute, bequeme Busse, nichts wackelt und ruckelt, dementsprechend teuer, keine Verkäuferinnen, kaum Stopps, was auf so langen Strecken einfach nicht sehr spannend ist. Man hat nicht mal etwas zu reklamieren 😉 (Uns kann man’s auch nie recht machen…) 😉
Da wir nicht noch südlicher fahren wollen, machen wir uns wieder auf den Weg zurück nach Bolivien, aber über eine andere Grenze.

In Aguas Calientes, der argentinischen Seite, geht alles ganz schnell zu und her. Trotzdem ist es ein etwas exotischer Grenzübergang. Wir werden weitergeschickt und stehen an einem Fluss.

Der Grenzübergang zurück nach Bolivien

Mit solchen Booten gehts über den Fluss

Hier geht es nur per «Lancha« weiter. Kleine Holzboote tuckern über den nicht sehr tiefen Wasserlauf. Auf der anderen Seite weit und breit kein Immigrationsbüro. «Am Terminal», meint der Taxifahrer und er fährt uns gleich dorthin.

Dann das typische Chaos: Diverse Arme, die an uns zupfen, Menschen die uns Transportpreise zurufen, sie machen Hektik, unser Gepäck macht sich plötzlich selbständig und wandert in das Auto des «Amigo» unseres Taxifahrers. «Sie sind nicht von hier» meint der Taxifahrer fürsorglich. Als ob man das hier nicht sehen würde… 😉

Unser Gepäck wieder aus dem Kofferraum hievend meinen wir: «Wir müssen zuerst zur Migration!» Da fahre er sowieso vorbei, aber erst an der Brücke… Ja, ja, aber wir erledigen das doch lieber selber… Verständnislos lässt er uns gehen, wir laufen über den Platz zur Immigration und werden wieder von allen Seiten bestaunt und man amüsiert sich wieder über unsere Grösse. Wir schauen uns an und denken beide dasselbe: Willkommen zurück in Bolivien! Kein Wunder, dass uns Argentinien wie Ferien vorgekommen sind…

Wir fahren gleich nach Tarija, das südliche Weingebiet Boliviens. Das Städtchen ist hübsch, aber am nächsten Tag gibt es in der Stadt Demonstrationen und Strassenblockaden. Das gleiche Thema wie schon vor einem Monat: man ist mit der Politik von Evo Morales nicht einverstanden und will auch die Autonomie. Wir bleiben eine Woche in Tarija stecken, kein Weiterkommen.

Am Montag ergattern wir zwar ein Ticket, was aber nicht heisst, dass wir von hier wegkommen.
«Um fünf Uhr morgens kommt ihr hierher» sagt die Ticketdame und zeigt auf ihr Tickethäuschen, «ich führ euch dann zum Bus», meint sie geheimnisvoll. Gesagt, getan. Der Bus steht nur einen Block hinter dem Terminal. Viel mehr Leute, als in einen Bus passen versammeln sich davor. Wir fahren übervoll zur Stadtgrenze, da wo die ersten Strassenblockaden sind. Die Strassen wurden mit Erdhaufen oder grossen Steinen zugeschüttet, dass man nicht durchkommt. Umsteigen ist angesagt. Aber dafür müssen wir zuerst fast eine Stunde mit Sack und Pack auf der unbefestigten Strasse entlang marschieren. Um sechs Uhr in der Früh mit dem ganzen Gepäck auf dem Rücken ein angenehmes aufwachen…

Weiter weg erblicken wir Lichter. Ein paar Laternen und ein grosses Feuer – brennende Lastwagenpneus – und betrunkene, cocablätterkauende Demonstranten, die hier die Strassenblockade bewachen. Sie lassen uns aber ohne Probleme durch.

Auf der anderen Seite stehen wartende Lastwagen und mehrere Busse. Da wir viel zu viele Leute sind, warten wir auf Anweisungen und stehen uns die Beine wund. Wir müssen den Bus von Camargo kommend abwarten.

Sonnenaufgang

Die Sonne geht auf, es wird heiss und der Bus ist immer noch nicht da. Ob wir jemals hier wegkommen?

Aber es geht dann bis jeder weiss, in welchen Bus er steigen muss, doch weiter. Beide Busse fahren zur Sicherheit zusammen… bis zur nächsten Blockade. Hier sind aber auch die Busfahrer überrascht, denn diese ist neu. Die Chauffeure wissen nicht recht, was sie tun sollen mit zwei grossen Bussen voll Reisenden, die ziemlich genervt sind, dass es nun doch nicht weiter geht…

Auf die Brücke haben die «Autonomisten» grosse Steine geschleppt, um jegliches weiterkommen zu verhindern und beobachten die Lage genüsslich von einem kleinen Hügel. Sie meinen, wenn wir durch wollten, müssten wir Cocablätter abliefern. Sonst noch Wünsche? Sie rechneten wohl nicht mit uns… die Menschen der beiden Busse sind ziemlich aufgebracht und meinen: «Lasst uns die Sperre aufheben!» und viele Arme arbeiten zusammen und machen den Weg frei, zum Leidwesen der Protestler. Auch wir stehen nicht untätig in der Ecke und packen bei der Mini-Revolution mit an. 😉

Mit vereinten Kräften...

... machen wir die Brücke frei!

Die Autonomisten sind oben...

Mit vereinten Kräften ist in kürzester Zeit die Fahrbahn frei. Die Demonstranten reklamieren und bewaffnen sich mit Steinen. Aber der Polizei ist sowieso alles egal und sie blickt eher Zuschauermässig auf das Ganze. Fehlt nur noch das Popcorn…
Unser Bus fährt vor, wir rennen neben dem Bus her, um Schutz vor dem Steinhagel, den es nun von oben regnet, zu suchen – es geht alles gut, niemand wird verletzt und wir können die Reise weiterführen.

Wir kommen heil in Camargo an, wo wir uns von den ganzen Strapazen ein bisschen erholen. Aber nicht zu lange.

Hier geht es gemütlicher zu und her.

Wollen wir doch so schnell wie möglich nach Sucre fahren, denn dort scheint es bis jetzt noch relativ ruhig zu und her zu gehen. Nur wie lange noch?

Verkäuferinnen


Wir wollten eigentlich nach Santa Cruz und dann von dort in die Dschungelregion hoch in den Norden reisen. Dies ist aber im Moment nicht die beste Idee. Das Departement Santa Cruz, verhältnismässig reich, mit Gas- und Erdölvorkommen, appelliert auf seine Eigenständigkeit und es herrschen chaotische Zustände dort.

Für uns ist es nicht immer ganz einfach die ganze «Logik» des Ganzen zu Verstehen. Aber im Grossen und Ganzen sind die Proteste gegen den aktuellen Präsidenten Evo Morales, der das Land immer mehr in zwei Teile spaltet. Spezialisten sagen, das ganze Problem basiere zu sehr auf Aggressivität von beiden Seiten. Evo spricht dauernd von Revolution, die Bevölkerung antwortet darauf mit Ausschreitungen und Gewalt.

In Santa Cruz bringen sie in diesen Tagen staatliche Institutionen in ihre Gewalt und im Norden (Departement Pando) gibt es schon Tote.

Jetzt sind wir in Sucre und hoffen hier abwarten zu können, bis sich alles wieder beruhigt. Aber dem ist nicht so. Auch hier stehen sie nicht hinter ihrem Präsidenten. Übermorgen sind Kundgebungen, Strassenblockaden und ähnliches vorgesehen. Wir werden sehen, wie sich das weiterentwickelt…


Dann eine noch längere Warterei auf der argentinischen Seite. Die Schlange ist elend lange, sie geht fast bis zur bolivianischen Seite. Wir stellen uns hinten an und warten bei einer ziemlichen Hitze. Es bleibt genug Zeit, um was zu Essen zu holen und ein paar Pesos zu wechseln. Wir gedulden uns geschlagene anderthalb Stunden bis wir vor dem Herrn mit dem begehrten Stempel stehen. Danach ist es aber noch nicht fertig mit der Warterei. Es gibt noch eine andere Reihe. Die Argentinier nehmen es sehr genau. Alle Personen und deren Gepäck werden durchwühlt. Niemand soll Cocablätter, Früchte, Pflanzen oder dergleichen einführen. Eine nervenaufreibende Sache.

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