1154 Tage Ecuador Peru Südamerika

Geschüttelt, nicht gerührt…

>> Chachapoyas, Peru
Wir verlassen um sechs Uhr morgens mit dem ersten Bus die grünen Berge von Vilcabamba und tuckern Richtung Zumba. Ein Sonnenaufgang begrüsst uns und taucht alles um uns herum in schönstes Licht.

Sonnenaufgang in Vilcabamba ... ist herrlich.

Die Umgebung verändert sich rasch. Die grünen Gipfel werden von dschungelartig bedeckten Bergen abgelöst, es sieht aus wie überdimensionales Moos, das in die Höhe kriecht. Unsere erdige Strasse schlängelt sich um die Berge herum, fährt in Täler, vorbei an Wiesen mit so sattem Grün, dass es beinahe irreal wirkt, blauer Himmel blinzelt zwischen den Wolken hervor. Logisch, dass diese Strasse bei starkem Regen quasi unpassierbar ist.
Wir sind in einem Naturreservat, kleine Wasserfälle die auf die Strasse plätschern und als kleiner Bach noch weiter nach unten fallen. Der ganze Bus schaukelt wild von links nach rechts, die grossen Erdlöcher lassen einem aufhüpfen.
Diese Strecke kommt ganz weit oben auf der Top Ten der schönsten Busstrecken…


Wir sind früher in Zumba, als wir dachten. Nach all der Naturschönheit ist Zumba dann doch etwas eine Ernüchterung. Leider können wir nicht weiterfahren, der nächste Bus an die Grenze ist erst spätnachmittags und an der Grenze gibt’s nichts zu schlafen, also denken wir es ist besser die Reise am nächsten Tag wieder aufzunehmen.

Zumba ist ein kleines, verschlafenes Nest mit Militärposten und sonst gar nichts. Wir kommen nochmals in den Genuss eines kulinarischen Höhenflugs: trockener Reis mit lauwarmem, trockenem Poulet. Wir werden es nicht vermissen…
Auch unser Zimmer hat wohl schon bessere Tage gesehen. Winzig und dunkel, mit einem Fenster in den Flur ohne Scheiben, wir dürfen das Geplätscher der Toilettengänger live miterleben ;-). Wann ist endlich Morgen?

Der Morgen zeigt sich von der besten Seite, die Sonne strahlt und wir können endlich weiter fahren. Unser Transportmittel ist diesmal ein umgebauter, auf der Seite offener Lastwagen, wo auf der Ladefläche in engem Abstand Holzbänke eingebaut sind. Das gute daran ist: man kann Fotos ohne dreckige Fensterscheiben machen ;-).

Unser Gefährt von Zumba an die Grenze

Ab Zumba wirds staubig

Nur... wo ist da die Grenze?

Dieser Abschnitt ist wieder wunderschön, ähnlich wie gestern. Nur kann man sich hier in der Wildnis schwer einen Grenzübergang vorstellen. Nach etwa 1 1/2 Stunden tauchen dann ein Fluss und eine Brücke auf… das muss wohl die Grenze sein.

Auf der ecuadorianischen Seite hat es eine Wechselstube, ein Comedor und den Zöllner. Diesen «stören» wir, weil er nun von seinem Sonnenplätzchen in sein Büro muss. Wir füllen einen Zettel aus, er «liest» vertieft in unseren Pässen. Der Ausreisestempel ist drin. Wir wechseln ein paar Dollar in die neue Währung: den «Nuevo Sol».

Danach spaziert man gemütlich über den «Puente Internacional», die internationale Brücke, worauf Kaffee zum trocknen in der Sonne liegt. Noch ein paar Schritte und wir sind in Peru!

Der

Wir werden ins hinterste Holzhäuschen geschickt, die «Migración». Es ist ganz schön heiss, wir betreten das Büro in dem ein regelmässig knatternder Ventilator einen ziemlichen Lärm macht und eine Frau und ein Mann hinter einem Computer sitzen. Das nervende Klacken des Lüfters stört aber wohl keinen von beiden. Wir füllen wieder zwei lange, schmale Zettel aus, der Mann tippt etwas in den Computer. Die Frau bemerkt dann: «In Ecuador haben sie euch das gestrige Datum reingestempelt». Ob das schlimm sei? «Nein, so habt ihr einfach einen Tag hier auf der Brücke verbracht» meint sie lachend.
Dann werden wir ins Holzbüro daneben geschickt.

Hier spielen Kinder am Boden, sie schauen uns mit grossen Augen an und rufen: «Hoooolaaaaa», eine Frau strickt. Der Beamte im karg ausgestatteten Büro nimmt uns die Zettel ab, stempelt gekonnt in die Mitte und unterschreibt. Ob wir ein 90-Tage-Visum bekämen, frage ich. Für das müssen wir wieder ins Büro Nummer 1.
Wieder im Büro mit Ventilatorgeknatter werden die Zettel säuberlich aufgeteilt und wir haben unsere Siegel mit 90 Tagen im Pass. Nun wie kommen wir hier weg? Wir sehen weit und breit keinen Bus. Es stehen nur zwei weisse Autos da. Schnell merken wir, dass diese «Taxis» unsere einzige Möglichkeit sind. Es wird gewartet bis fünf Mitfahrer gefunden sind. Hinten drei mit Kind und auf dem Beifahrersitz zwei. Ganz normal.

Die Strasse ist wirklich in üblem Zustand. Gut Strasse… die Schlammfläche wäre wohl eher was für einen 4×4, aber wir sind ein ganz normaler Toyota. Aber der junge Fahrer lässt sich nicht beirren. Alles geht gut, wir bleiben nicht stecken, wir werden nur wieder kräftig durchgeschüttelt. Abgesehen davon ist die Gegend hier auch wieder so schön. Minidörfer mit typischen Adobe-Häusern, überall liegen Kaffeebohnen am Boden, die von der starken Sonne getrocknet werden.

In San Ignacio wollen unsere Mitfahren auch nach Jaén, also zotteln wir ihnen nach. Sie meinen «un carro» sei schneller. Da wir sowieso noch null Ahnung von den peruanischen Transportmitteln haben, sind wir mit einem Auto einverstanden. Aber unsere gewechselten Soles reichen nicht mehr lange. Der Transport ist anscheinend etwas teuerer als in Ecuador. Diese «Langstreckentaxis» sind sehr beliebt, es gibt wirklich einen Haufen von diesen weissen Autos.
Wieder warten auf fünf Mitfahrer, dann geht es los. Die Sonne brennt unbarmherzig auf uns nieder, wir düsen über die staubige, steinige und ruckelige Fahrbahn. Um uns herum riesige Bergmassen, einem Canyon ähnlich, dann diese kitschig-grünen Reisterrassen, links von uns ein Fluss, die Landschaft, die an uns vorbeizieht lässt einem wieder sprachlos werden. Wenn das so weitergeht in Peru, werden wir mit staunen nicht mehr fertig…

Total staubig, hundemüde, aber guter Dinge bleiben wir in Jaén. Keiner von uns will nun noch weiter, wir können nicht mehr. Chachapoyas kann warten. Jaén ist eine grössere Stadt, ein bisschen hektisch mit vielen Mototaxis.
Neue Gerüche, Eindrücke und Geräusche – wir sind tatsächlich endlich in Peru.

Am nächsten Tag suchen wir einen Bus nach Chachapoyas. Es ist ein bisschen verwirrend das System hier. Viele Transportunternehmen, verstreut in alle Himmelsrichtungen. Wir finden dann einen Minibus nach Bagua Grande, wo wir umsteigen müssen. In Bagua lernen wir ein älteres, peruanisches Paar kennen, die übers Wochenende auch nach Chachapoyas wollen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass die beiden uns den ganzen Tag begleiten werden…

Es fahren wieder einmal keine «richtigen» Busse, nur diese Taxis, oder zumindest sagt man uns das. Wir haben alle schon bezahlt und müssen nicht einmal auf einen fünften Mitfahrer warten, heisst es: «Wir können im Moment nur bis Pedro Ruiz fahren». Wir verstehen nicht ganz. Die Strasse sei knapp 50 km vor Chachapoyas gesperrt, wegen Bauarbeiten, die sprengen da die Strasse und diese wird erst um 18.30 wieder für den Verkehr geöffnet… Wir können es zuerst nicht ganz glauben. Aber es stellt sich als Wahrheit heraus. Naja, eine andere Wahl haben wir ja sowieso nicht! Vamos…

Wir fahren Richtung Pedro Ruiz und da auch der Fahrer nichts anderes mehr vorhat, hält er für uns immer wieder an und wir können so die Umgebung anschauen. Bei einem kleinen Wasserfall kommen vier Mädels angerannt und wollen unbedingt mit uns beiden Fotos machen. Für ein «Projekt», jaja… 😉
Also lächeln wir brav mit jeder einzelnen in die Kamera, dann noch ein Gruppenfoto, für uns natürlich auch.
In Pedro Ruiz essen wir zu Mittag. Übrigens zwar auch Reis, aber nicht dieser langweilige, trockene Reis. Hier gibt es Sauce und Kartoffeln, endlich! Was für ein Luxus, alles hat Geschmack, wir staunen, warten aber noch mit zuviel Enthusiasmus, es könnte ja ein Zufall sein…

Massives Gestein...

Die Strassensperre, wo Warten angesagt ist.

Irgendwann fahren wir weiter zur Strassensperre und warten. Es hat hier etwa zehn Häuser, sonst nichts. Wir sind das dritte Auto und haben noch 3 1/2 Stunden Warten vor uns…
Alle steigen aus und da wir die Peruaner als schwatziges und sympathisches Volk kennen gelernt haben, geht es nicht lange und es wird losgeplaudert. So lernen wir Alex, einen Peruaner in unserem Alter kennen. Er ist sehr offen, ist schon viel herumgereist und mit seiner witzigen Art vergeht die Zeit wie im Flug. Als er dann noch seine Flasche Wein aus dem Gepäck zieht und wir Popcorn von der herumspazierenden Verkäuferin erhaschen, steht einem Apéro nichts mehr im Wege ;-).

Der nahezu zahnlose und fast einäugige Alte, ebenfalls aus Alex’ Auto, ist auch so eine lustige Figur. Er kommt immer wieder mit einem Büschel «Gras» oder «Gestrüpp» vom Hügel herunter und erklärt mir diese Kräuter. Ich habe meine Mühe ihn zu verstehen, aber es ist sehr lustig. Er geht nach Chachapoyas mit vielen Säcken um dort seine Medizin am Markt zu verkaufen.

Da ich meine Schulter im Moment einbinde, weil sie immer noch nicht ganz in Ordnung ist, meinen Alex und der Alte: «Kauf dir Schlangenschmalz!» Ich denk mir, die wollen mich auf den Arm nehmen. Aber offensichtlich sei das eine gute Medizin für meine Probleme. Wir werden sehen…

Da es hier wohl sonst sehr ruhig zu und her geht, gackern die Hühner und Hähne gemütlich auf der Strasse herum, manchmal gefährlich nah an den vorbeidonnernden Laswagen, die auf der linken Spur zur Baustelle fahren.
Während wir Wein trinkend am Auto lehnen und den Gockel bestaunen mit seinem dicken Federkleid und dieser Federfussbekleidung, wie Schuhe, denken wir alle drei, dieser Hahn sollte lieber weniger stolz auf der Strasse schreiten, er lebt gefährlich… und schon kommt ein Lastwagen angerast… der Hahn kommt nur zwischen die Vorderräder, flattert aber viel zu nervös herum und die Hinterräder des Lastwagens erwischen den Kopf und wir sehen schockiert zu wie dieser auf den Asphalt gequetscht wird. Überall liegen Federn und eine grosse Blutlache…
Wir trauen unseren Augen nicht, heute gibt’s bei der Besitzerin wohl «Soppa de Gallo» 😉

Endlich halb sieben, es kommt rasch Hektik auf, die Motoren laufen sich schon seit fünf Minuten warm. Als dann die Barriere geöffnet wird, könnte man meinen wir seien in einer Rallye gelandet. Halsbrecherische Überholmanöver auf nur einer Spur, überall Staub, es ist stockfinster und wir hoffen einfach, dass der Fahrer diesen Abschnitt gut kennt. Aber wir kommen heil in Chachapoyas an.

Obwohl es dunkel ist sieht das Städtchen sehr sympathisch aus. Alex zeigt uns ein Hotel und bekommen dank ihm noch Rabatt. Essen können wir auch gleich hier, ein Menü für alle, es ist wirklich köstlich. Wir können es fast nicht glaube, das Essen schmeckt hier wirklich! Abwechslungsreich, schon auch täglich ein Häufchen Reis, aber es gibt auch noch andere Beilagen dazu.

Gestärkt schleppt uns Alex in eine Disco, wo kräftig getanzt wird. Die Musik ist… scheusslich, aber es ist lustig das Gewimmel zu bestaunen. Ein Gemisch von bei uns vergessenen Hits, abgewechselt von schlechtem Salsa, aber wen stört das schon… 😉

Bald fallen uns die Augen fast zu, dieser Tag war einfach zuviel 😉 Wir haben viel gesehen und erlebt, wurden genug durchgeschüttelt und hatten unsere Dosis 80er-Hits, wir wollen nur noch schlafen gehen…

P.S.: Das Schlangenschmalz hilft wirklich…!

You Might Also Like...

2 Comments

  • Reply
    Anonymous
    6. Juni 2008 at 15:57

    Hey, J.C. ich habe mich sehr gefreut, dass ich Dich wieder mal in voller grösse sehe, ich vermisse Dich 😉
    E feschti Umarmig vo de……..ERIKA

  • Reply
    Anonymous
    31. Juli 2008 at 23:34

    Schöne Fotos und schöner Bericht 🙂

    Grüße,
    Sam

  • Leave a Reply