1154 Tage Afrika Burkina Faso Mali

Eselskarren, Busfahrten und viel Blabla in Bla

›› Djenné/Bamako, Mali/

Westafrika umfasst das Gebiet von der Sahara im Norden, den Kamerunbergen im Osten, zu der Küste des Atlantischen Ozeans im Süden und Westen. Ein grosses Stück dieses schon enormen Kontinents. Nebst den vielen lokalen Sprachen wird, mit ein paar englischen Ausnahmen, überall französisch gesprochen.
Laut dem «UN annual Human Developement Index» ist Westafrika die ärmste Region der Welt. Diverse politische Konflikte verbessern die Situation auch nicht.
 Trotzdem verliert Afrika den Schwung und Rhythmus nicht, bietet weiterhin allen seine Stirn und verteilt das wärmste Lächeln der Welt. Man taucht ein, gibt das Lächeln zurück, tanzt zur Musik. Afrika geht unter die Haut…

Noch ein bisschen Bamako

Es kommt kurz Hektik auf unter den Ticketverkäufern, wenn man am Busbahnhof aus dem Taxi steigt. Der Bus fährt schliesslich bald ab. Bald. Mal heisst es halb neun, dann wieder halb zehn. Im Moment ist es halb acht und wir stehen abfahrbereit am «Gare Routière» von Bamako. Bis heute ist uns unklar, warum es in einigen Ländern noch «Abfahrtszeiten» gibt, wenn man sowieso immer warten muss, bis der Bus voll ist. Um elf ist es auch bei uns soweit.

Das Ziel heisst Ségou und ist im Prinzip nur 240 km entfernt. Der erste Halt lässt nicht lange auf sich warten: die Tankstelle. Ausserhalb von Bamako der nächste lange Stopp. Niemand weiss warum, es wird einfach immer nur heisser. Die unendlichen Unterbrechungen, wo Gepäck umgepackt, aus- oder eingeladen wird, sind kaum mehr zählbar, an ein anständiges Vorwärtskommen kaum zu denken. (Man vermeide hier Busse, wo Gepäck auf dem Dach mitreist, weil ständig etwas vom Dach geholt werden muss.) Kurz vor der Ortstafel stellt dann noch der Motor ab.

Der Busbahnhof in Ségou ist etwa drei Kilometer ausserhalb der Stadt. Was heisst, dass man sich mit einem Taxifahrer anfreunden sollte. Die sind heute jedoch alle nicht freundschaftlich gesinnt und verlangen beinahe den gleichen Preis, den wir soeben für die Busfahrt bezahlt haben. Nein danke. Es ist schon 17 Uhr, ein bisschen die Beine vertreten tut gut, nach den vielen Stunden in den engen Sitzreihen.
Ein leerer Eselskarren fährt vorbei. Der Junge macht uns Zeichen aufzusitzen. So fahren wir mit Eselsgeschwindigkeit in die Stadt. Natürlich zur Belustigung der Einheimischen. Andererseits was macht man nicht alles um ins Stadtgespräch zu kommen…
Nach einer Unendlichkeit bietet sich ein zahlbares Zimmer an, wobei das Preis-Leistungs-Verhältnis einigermassen stimmt (oft sehr schlecht hier). Nach einer guten Dusche ist der lange Tag schon vergessen. Es scheint, dass die Busfahrten, egal wie weit man fährt, den ganzen Tag in Beanspruchung nehmen.
Ségou gefällt uns gut. Es ist eine kleinere Stadt, mit Dorfcharme. Das Hotel befindet sich etwas ausserhalb des Zentrums. So stehen wir vor der Haustüre sofort in einem afrikanischen Dorf. Kinder kommen von allen Ecken angerannt und schreien «Toubab! – Toubabou!», im Chor. Es wird gelacht, gewinkt, gejauchzt und angefasst. Es ist sehr lustig, wenn man beinahe wie ein Fussballstar durch die Strassen spaziert ;-)
Manche nehmen einem die Hand und reiben ein bisschen. Ob das Weiss wohl abgeht? Die anderen begnügen sich mit Hände schütteln. Man kommt kaum vom Fleck. Nicht nur wegen der Kinder. Man entdeckt überall kleine Köstlichkeiten, die im Öl baden oder grilliert werden. Kleine Krapfen mit scharfer Sauce, Süsskartoffel-Pommes, «Alocos» (Kochbananen) und kleine Spiesschen.

Im Schatten der vielen Bäume, die den Fluss Niger umrahmen lässt es sich gut flanieren. Hölzerne Pirogen bauen am Ufer Sand ab, auf dem Wasser warten Fischer auf ihr Glück oder es werden Waren transportiert.

Transport auf dem Fluss Niger

Nicht weit vom Fluss besuchen wir ein sehr interessantes Bogolan-Atelier. Bogolan ist eine westafrikanische Web- und Färbetechnik. Auf grobstrukturierte, handgewobene Baumwolle werden kunstvolle Muster, durch wiederholtes Auftragen von Schlamm und Saft, der aus Blätter und Baumrinde gewonnen wird, aufgemalt. Traditionell werden drei Farben gebraucht. Ocker, Schwarz und Grün. Der Färbeprozess ist zeitraubend, auch die Muster werden mit grosser Genauigkeit aufgetragen.
Das Atelier hat innovative Ideen. Sie probieren andere (natürliche) Farben aus oder weben Gräser in die Baumwolle ein. Wir werden in das Prozedere gut eingeführt und dürfen unsere Künste an einem kleinen Stück ausprobieren.

Bogolan Atelier in Ségou

Einige Tage vergehen in Ségou, wo wir weiterhin den Kinder zuwinken, Köstlichkeiten probieren und in den Genuss rhythmischer Musik kommen.

Bald sehnt es uns aufs Neue nach einer Busfahrt. Was natürlich absolut übertrieben ist, doch die Markt-Stadt Djenné lockt uns, wo ausserdem das grösste Lehmbaustil-Gebäude, eine Moschee, der Welt steht.
In einem nicht mehr jung aussehenden Bus geht es zur Djenné-Kreuzung. Selbstverständlich nicht sehr schnell, denn erneut wird alle fünf Minuten angehalten, um jemanden oder etwas ab- oder aufzuladen. 
Die besagte Kreuzung entpuppt sich als Gabelung zweier unbefestigter Strassen mit einer Hand voll Strassenständen. Unser «Taxi-Brousse» (Gefährt mit Ladefläche) steht schon parat, was jedoch nicht heisst, dass es gleich los geht. In der Hitze wird auf weitere Passagiere gewartet.

Warten auf das Taxi Brousse

Die Ladefläche des Taxis hat auf jeder Längsseite eine Holzbank (und das Auto schlechte Federung) mit einer Metallkonstruktion über unseren Köpfen für das Gepäck.
Mit vielen Gegenständen auf dem Dach, einem Reserverad unter den Füssen und nur dreizehn Passagieren geht schon los. Die Reise ist hart auf den Bänken, dafür wird man mit grünster Landschaft belohnt.

Auf dem Weg nach Djenné

Plötzlich steht da ein ziemlich breiter Fluss im Weg. Zu unserer Überraschung gibt es heute noch eine Flussüberquerung. Es wird erneut gewartet bis die kleine Fähre voll ist und auf das andere Ufer übergesetzt werden kann.

Flussüberquerung

Verkäufer

Flussleben

Piroge auf dem Fluss

Wieder nach einer Tagesreise sind wir am Ziel. Das Dörfchen hat für ihr populäres Dasein nicht einmal so viele Schlafmöglichkeiten. Markttag ist Montag, die Leute reservieren für Sonntag. Wenn man gut sucht, findet man genauso ohne Reservation etwas.

Traditionelles Haus in Djenné

Der Sonntag ist richtig ruhig. Die Moschee, die man sich in der Vorstellung eigentlich grösser ausmalt, sieht sehr stattlich aus. Der grosse Platz davor ist heute noch leer, das wird morgen sicherlich anders aussehen.

Heute kann man noch auf dem Platz spielen

Am Montagmorgen finden sich die ersten Verkäufer ein. Zuerst muss aufgebaut werden. Kinder graben Löcher für die Standpfosten, jeder weiss wie und wo er seine Waren anbieten will, ähnliche Warenanbieter bleiben beieinander.

Vollgeladen

Kinder graben Löcher für die Standmasten

Marktplatz in Djenné

Fast den ganzen Morgen lang wird aufgebaut, gebastelt, vertäut, aufgebaut, gebüschelt, drapiert und abgestaubt. Der leere Platz von gestern ist nicht mehr wieder zu erkennen. Nur die kleinen Gassen zwischen den Ständen lassen Platz zum Durchkommen.

Übervoll

Marktfrau

Angeboten wird fast alles. Esswaren, fertig gekocht oder als Frischwaren, Schüsseln, Töpfe, Gewürze, Kleider, Schmuck, Schuhe, Fisch, Benzin, Säcke, Früchte, falsche Medikamente aus China, Stoffe, die Liste ist unendlich.

Waren

Der Markthit ist wahrscheinlich Barack Obama. Ja, ja, DER Obama. Die Amis haben in Mali gute Arbeit geleistet, man ist richtig Fan von ihm. Obama als T-Shirt, Sticker, Fussballtrikot oder sogar Unterhosen. Wir haben unterwegs einige interessante Sticker-Kombinationen auf Bussen kleben gesehen: Barack Obama, Che Guevara und Bin Laden als Trio, daneben noch ein netter, nach oben zeigender Daumen in USA-Farben.

Obama als Fussballshirt

Obama als Kleber

Als Tourist entwischt man kaum einem der vielen Verkäufer, die Souvenirs und Schmuck loswerden wollen. Die vielen (zur heissen Zeit immer stärker werdenden) Gerüche (nett: getrockneter Fisch), die Buntheit der Kleider der Frauen, das Stimmengewirr, Waren bei denen man sich nur schwer vorstellen kann wozu sie dienen, Kindergeschrei, fotografierende Touristen, Drängelei, die Hitze und der Staub animieren immer wieder zu einer kleinen Verschnaufpause.

Markttreiben

Markt ist Frauensache. Generell ist es eine Wohltat (gerade nach Mauretanien) wieder eine vernünftige Anzahl Frauen auf den Strassen an zu treffen. 
Am späten Nachmittag ist das Spektakel vorbei. Der grosse Platz vor der Moschee, deren drittes Minarett kürzlich einstürzte, ist wieder allein. Wir geniessen noch ein paar Tage das Djenné-nach-dem-Markt, die sehr entspannt und angenehm vergehen.

Marktfrauen

Es wird verhandelt

D & G

Markt in Djenné vor der Moschee

Ausschnitt der Moschee

Am Markt

Die Moschee von Djenné

Es ist kurz vor Weihnachten. Was man in diesem Land zugegebenermassen nicht wirklich bemerkt, trotzdem möchten wir die Feiertage nicht in einem Bus verbringen. Uns zieht es seit einer Weile nach Burkina Faso. Da von Timbuktu (wen liess dieser Ort in der Kindheit nicht träumen?) im Moment anscheinend abgeraten wird (Entführungen), zieht es uns in Mali nicht weiter. So wollen wir unser Ziel direkt anpeilen: Bobo-Dioulasso in Burkina Faso. Theoretisch einfach, in der Praxis dann doch eher ein kompliziertes Unterfangen.

Die erste Etappe führt wieder zurück zur Kreuzung, wo dann gleich der Minibus eine Panne hat. Uns diesmal egal, wir steigen sowieso aus. Danach wird am sandigen Strassenrand auf einen vorbeifahrenden Bus gewartet. Man sagt uns in San gebe es Möglichkeiten nach Bobo zu kommen. 
In San selber informiert man uns, dass wir im Bus hätten sitzenbleiben sollen und in Bla aussteigen, denn dort gebe es ganz bestimmt eine Weiterfahrmöglichkeit. 
Na toll, nun sind wir aber in San. Wieder Warten. Im Minibus geht es endlich nach Bla. Es ist schon wieder später Nachmittag. Durchgeschwitzt und ausgelaugt steigen wir in einem nichts sagenden Örtchen, im Grossen und Ganzen eine Kreuzung, aus: Bla.

Warten

Die letzte Busfahrt hat uns die letzten Francs CFA gekostet (hiesige Währung) und in Bla gibt es wohl eine kleine Bank, aber dafür ist es nun schon zu spät. So ist heute an ein Weiterkommen sowieso nicht zu denken. An Essen genauso wenig. Auf die Frage, ob es hier eine Auberge gebe, reagiert man nur mit Stirnrunzeln. Nachdem uns jegliche Leute in diverse Richtungen geschickt haben und es schon am Eindunkeln ist, wir immer noch ohne Zimmer dastehen, zeigt sich leichte Verzweiflung. 
Ein Barbesitzer mit einer Hand voll Zimmer, die man normalerweise für ein paar Stunden mietet, zeigt Mitleid. Wir erzählen ihm von der mühsamen Busfahrerei, beichten (bis morgen) keinen Pfennig mehr zu besitzen, allerdings DRINGEND ein Bier und ein Zimmer brauchen.
Man schleppt einen Kübel Wasser für eine Eimerdusche her, das Bier ist kalt, der Barman ist mit einem guten Kassettenrepertoire ausgestattet – so lässt sich dieser Tag wenigstens gut verdauen. Morgen ist der 24-igste, da werden die Sterne hoffentlich etwas besser stehen, wenn das Projekt «Bobo» wieder in Angriff genommen wird.

Nach einem Frühstück an einem Strassenstand (Kondensmilchkaffee mit einem Omelette-Sandwich gibt es überall) beginnt die Warterei. 
Die Leute hier sind sonderbar, jeder erzählt uns eine unterschiedliche Version von eventuellen Bussen, die kommen müssten (bald, bald…). Irgendwann kriegen sich sogar zwei Typen von verschiedenen Busgesellschaften in die Haare, weil sie unbedingt wollen, dass wir ihren Bus nehmen. Die aber beide nicht in unsere Richtung fahren…
Nachdem uns klar ist, dass alle irgendwelchen Mist erzählen (viel Blabla in Bla…) wird ein Zeitlimit gesetzt. Es ist schon Mittag. Wenn bis 14 Uhr der gewünschte Bus immer noch nicht da ist, wird zurück nach Bamako gefahren.
Gesagt – getan: Um 14 Uhr haben wir genug von der Schönrederei und springen in den gelben, alten Bus zurück in die Hauptstadt.
Platz hat es keinen richtigen mehr, was uns dagegen egal ist. Hauptsache weg von hier. 
Im vollkommen überfüllten Bus stinkt es, wir schwitzen alle und hocken im eigenen Saft. Der Gang ist vollgestopft, die Leute sitzen auf Kanistern und Säcken. Die Einheimischen sind ebenfalls müde und reklamieren, da alle paar Meter angehalten wird.
Die Abendsonne geht langsam hinter der Frontscheibe unter, der Chauffeur hat seit sechs Uhr morgens Dienst und ist nicht mehr der fiteste. Die drei Kinder hinter uns sind restlos erschöpft, man verteilt sich das restliche Wasser. Dann noch ein letzter Halt vor der Grossstadt: das Abendgebet. Die Teppiche werden ausgerollt, die Muslime beten, die anderen warten und rauchen. Die 320 km zurück in die Hauptstadt wollen kein Ende nehmen. Zur Krönung übergibt sich das jüngste Kind hinter uns geräuschvoll, vor Schreck fällt JC’s Brille in die Sauce – ein guter Tag.
Gegen 20 Uhr sind wir endlich in Bamako, erkämpfen uns ein Taxi und hoffen, dass in der Auberge noch ein Bett frei ist. In der Auberge herrscht Weihnachtsstimmung, alle kochen sich etwas Gutes, wir haben nicht mal mehr richtig Hunger.
Man trifft hier bekannte und unbekannte Gesichter, es wird geplaudert, getrunken und einfach genossen – die letzten Busfahrten sind beinahe vergessen. Aber in Bobo sind wir immer noch nicht…

Unterwegs nach Bobo

Am 26. Dezember ist es dann soweit. Zu viert, mit zwei anderen Franzosen, reisen wir in einem äusserts un-afrikanischen Bus nach Bobo-Dioulasso. Er ist in einem tiptopen Zustand, jeder hat seinen Platz, angehalten wird nur zweimal für Pausen. Eine richtige Wohltat (Busgesellschaft heisst TCV). Das Visum bezieht man an der Grenze, alles verläuft vollkommen problemlos, nach nur zwölf Stunden sind wir ausgeruht am Ziel – kaum zu glauben. An der ersten Adresse gibt es zwar keine Zimmer mehr, wir können aber auf Matratzen im Essraum schlafen. Was will man mehr. Ah… zwei Flaschen Rotwein, denn heute feiern wir 1000 Tage unterwegs sein… bis bald (falls es die Internetleitungen zulassen) mit der Fortsetzung aus Burkina Faso.

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