1154 Tage Bolivien Südamerika

Erfrieren wir am schönsten Ort der Welt?

>> Sajama, Bolivien
Anstatt in den Norden zu fahren, folgen wir dem Tipp unserer Freunde in den Süden. Wir düsen von La Paz nach Patacamaya. Es geht Ewigkeiten, bis wir aus der grossen Stadt sind. Die Fahrt ist nicht wirklich spektakulär.

Der Busfahrer lässt uns an der Kreuzung raus. Ein bisschen verloren im Nichts nähern wir uns einem Stand mit zwei einheimischen Frauen. Eine ist sehr alt und spricht nichts, die jüngere sprüht vor Energie und legt ein Dauerlachen an den Tag. «Setzt euch zu mir auf die Bank, hier ist es schön warm», lädt sie uns ein. Ihr sympathisches Lachen steckt an.
Ob hier der Bus nach Sajama vorbeifahre, fragen wir sie. «Ja klar, kein Problem, ich regle das für Euch!» Ihr enthusiastisches Grinsen verwirrt uns, eigentlich verstehen wir gar nicht wirklich was sie da brabbelt. «Ich kenne alle, die hier vorbei kommen», meint sie.
Wie geben uns beeindruckt und verstehen immer noch nicht… bis ein Lastwagen vorbei fährt.
Sie nimmt die grosse Menge Jupe in die eine Hand und winkt dem Lastwagenfahrer. Sie diskutiert mit ihm und gibt uns dann ein Zeichen. Nun verstehen wir. Sie hat nie einen Bus gemeint… 😉

Per Lastwagen zum Sajama Nationalpark: am Horizont der Sajama selber



Der Kraftfahrer grüsst freundlich und lädt uns in seine Kabine ein. Die Fahrt von Patacamaya nach Sajama, welches beinahe an der chilenischen Grenze liegt ist lange. Der Lastwagen, bis oben mit Holz beladen ist langsam und schwer, der Fahrer schon sehr müde, wie wir bemerken müssen. Zweimal nickt er ein, entschuldigt sich und wir sind froh, erstens wunderbare Schutzengel zu haben und glücklich, dass der Laster doch dank der schweren Fracht, seeeehr langsam durch die Gegend fährt und so nicht von der Fahrbahn gerät…

Die Gegend ist anfänglich ein bisschen langweilig, wird aber bald sehr abwechslungsreich.
Pampa pur, skurrile Steinformationen wie Pilze, Canyons in allen Farben und stets der Sajama mit seiner schneebedeckten Kuppe im Blickfeld.
Der Fahrer (wenn er nicht gerade schläft) erzählt uns von mysteriösen Frauen, welche die Fahrer von der Fahrbahn locken und zeigt uns eine Stelle, wo ein Kollege ins Verderben fuhr. Ein bisschen wie die Sirenen, welche die Seefahrer ins Elend locken.
Der Chauffeur lässt uns in Lagunas raus. Zur chilenischen Grenze ist es nicht mehr weit, der Ort ist nicht wirklich ein Ort. Das einzige Lebewesen, das wir antreffen, schickt uns ins «Zentrum». Wir grinsen, denn der Ort sieht sehr ausgestorben aus.
Aber wir treffen auf Einheimische und fragen wie wir nach Sajama kommen können. «Ich kann Euch fahren», meint der ältere Herr. Ja wunderbar. So müssen wir nicht an der Strasse schlafen. Normalerweise fährt ein Minibus pro Tag nach Sajama, den wir aber verpasst haben.

Das Dörfchen Sajama

Sajama ist eine Ansammlung von Häusern, welches man doch schon Dorf nennen kann. Beim Dorfeingang registriert man sich, da man nun in einem Nationalpark ist. Das Ganze wird sehr ernst genommen, was uns wirklich freut. Die alte Frau, mit kaum einer Handvoll Zähnen im Mund hat das Ganze voll im Griff. Es ist schön zu sehen, wie ernst die Leute es nehmen, uns die Umgebung erklären, und alles daran setzen, dass Sajama einmal bekannt wird.

Strom gibt es im Dorf noch nicht lange, was man an den Solarpanels sieht. Als wir ankommen gibt es gerade keinen Strom. Sajama ist ein Ort, wo sich Fuchs und Hase guten Tag sagen, Friedlichkeit pur. Rundherum Pampa, Berge, Grasbüschel und Lamas sonst nichts. So muss man sich den Ort vorstellen. Karge Schönheit, nenn ich das.
Aber sobald die Sonne schlafen geht… besteht Erfrierungsgefahr. Obwohl wir uns glücklich schätzen können, heisst es. Es gebe im Moment keinen Wind…

Abends gehen wir in das einzige Restaurant, und stärken uns an einer heissen Suppe, brühheissem Tee und einem guten Essen.
Die Unterkunft ist sehr einfach, aber angenehm. Glücklicherweise haben wir zwei unbesetzte Betten im Zimmer, von welchen wir die Wolldecken stehlen können.

Sobald die Sonne am Horizont verschwunden ist, herrscht hier eine klirrende Kälte. Wir sind auf 4200 Meter, am «Altiplano», der Hochebene. So eine Käte, hatten wir noch nie. Sich um- oder ausziehen droht zu einem Gesundheitsrisiko zu werden. Jegliche Aussenaktivität ist schlichtweg unmöglich, ausser man sei Lebensmüde. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als früh zu Bett zu gehen. Die 6er-Wolldeckenschicht gibt zwar schön warm (eine Heizung in irgendwelcher Form gibt es natürlich nicht), sind aber dermassen schwer, dass umdrehen schwierig wird.

Am nächsten Tag stehen wir früh auf. Unsere Fensterscheiben sind innen vereist, fliessend Wasser gibt es keines – alles gefroren.

Die Fensterscheiben sind morgens gefroren...

Gibt es eine Steigerung von frostig? Eiskalt, bitterkalt, saukalt? Es ist nicht zum beschreiben. Zähneputzen? Lieber nicht, wenn man nicht will, dass die Zähne einzeln ausfallen. Es herrscht – entschuldigung – eine Arschkälte, dass man rasch aus dem Bett schlüpft und hofft noch was zum Anziehen zu finden.

Aber die selbstgebackenen Brötchen mit Rührei und dem heissen Kaffee morgens retten uns vom Erfrierungstod. Wie die liebe Frau das von der Pension nur macht?
Ich frage sie, ob sie denn die Wäsche wenigstens mit warmem Wasser wasche? (Ja in Bolivien wie auch in vielen anderen Ländern wird die Wäsche von Hand in kaltem Wasser gewaschen. Viele Waschmaschinen haben wir noch nicht gesehen) «Nein» sagt sie. «Ich lasse das kalte Wasser einfach für etwa 20 Minuten in der Sonne stehen, so ist es nicht gar so kalt, als wenn es aus dem Brunnen kommt», meint sie lachend.
Ich schüttle den Kopf und finde es beeindruckend. «Es ist alles Gewohnheit, aber ich kann im Moment auch nicht so wie ich gerne würde…» Sie erzählt von einer Zyste im Magen, die sie mit Chemotherapie behandeln muss. «Ich muss deswegen immer nach La Paz reisen». Eine Krankenkasse gibt es hier nicht, der Staat unterstützt sie auch nicht. Schön, in einem angeblich sozialen Staat…
Sie bezahle 1000 Bolivianos (etwa 150.–) pro Chemotherapie. Für Europäer nicht viel, aber hier…

Die Wanderung zu den "Geysiren"

Wir laufen dick eingepackt Richtung «Geysir». Die Landschaft ist einfach einmalig. Altiplano, der Sajama auf der einen Seite, ausgelöschte Vulkane auf der anderen Seite, harte Grasbüschel, und sonst nichts. Hört sich nach nichts Speziellem an, aber die Schönheit ist unbeschreiblich.
Und aus Freude bleiben wir immer wieder stehen und geniessen diesen einmaligen Augenblick, vor allem heute, wo es windstill ist: DIESE RUHE! Kein Insektensurren, kein Lärm, einfach nichts. Man hört nur noch das Blut im Kopf rauschen. Unglaublich und unvergesslich…

Eine Herde Alpacas mit Hüter kommen uns entgegen. Es sind scheue Tiere.

Alpacaherde auf dem Hochland

Der Hirte meint Alpacas hätten den besseren Charakter, als Lamas. Lamas sind grösser als Alpacas, aber wir können sie trotzdem nicht voneinander unterscheiden. Geschoren werden die Tiere im November oder Dezember. Da ist es nicht mehr gar so kalt, wenn sie dann nackt in der Pampa stehen müssen. Wir sind froh um ihre Wolle, haben wir uns heute morgen als erstes Mütze und Handschuhe gekauft…

Die Landschaft ist fantastisch. Genauso so haben wir uns Bolivien vorgestellt. Karg und Schön. Der Sajama, Boliviens höchster Berg, steht stolz da mit seiner weissen Bergspitze. Seine 6542 Meter sehen von hier aus gar nicht so imposant aus, sind wir ja selber schon auf 4200 Meter.

Nach ein paar Stunden kommen wir zu den «Geysiren». Die Gegend ist nicht von dieser Welt.

Panoramablick

Farben, die schwierig in Worte zu fassen sind. Blauer Himmel, weisse Kuppen, blautransparentes Wasser, sonderbare Blasen, die an die Wasseroberfläche steigen, rote Ränder, gelbe und giftgrüne Formationen, Rauchsäulen, die dem Himmel emporsteigen. Sind wir auf der Erde? Farben, die wie mit einem Pinsel hingezaubert wurden. Alles echt, kein Photoshop…

Farben zum wahnsinnig werden

Solche Verläufe gibt es nur in der Natur

Die Erde kocht

Schwimmende Stückchen

Es blubbert, kocht, spritzt aus den Erdlöchern. Wir können nicht genug bekommen von dieser sprudelnden Erde und staunen immer wieder von neuem. Es ist Märchenhaft, dass man über Kobolde, die einem am Hosenbein ziehen, nicht erstaunt wäre…

Panoramasicht

Den ganzen Tag verbringen wir in dieser skurrilen Landschaft. Die Schönheit dieses Fleckchen Erde ist es wirklich Wert nachts zu frieren, denn tagsüber brennt die Sonne heiss vom Himmel.

Dank der klaren Luft und ohne störende Lichter, steht man bei Dunkelheit unter einem Sternenhimmel… unbeschreiblich! Millionen an Sternen, wie funkelnde Diamanten, die Milchstrasse zum greifen nahe, Sternschnuppen, dass man mit Wünschen nicht nachkommt. Aber mehr als fünf Minuten hält man es nicht aus, sonst erfriert man. Vielleicht auch besser so, sonst gehen einem die Wünsche aus… 😉

Am nächsten Tag schlagen wir den Weg zum Thermalbad ein. Nach dem gestrigen Tag zwar schwierig zu toppen, lädt das warme Bad aber doch nicht ein sich rein zu setzen. Man könnte noch eine Lagune besuchen, aber 12 Kilometer für einen Weg ist uns nach zwei Tagen wandern dann doch zu viel.

Wanderung durch die Natur

Und wir wollen trotz Schönheit, wieder ein bisschen an die Wärme.
Tags darauf um sechs Uhr Morgens fährt der einzige Minibus zurück nach Patacamaya. Eine Unzeit bei diesen Temperaturen. Es scheint den Leuten hier auch nichts auszumachen, dass stets die Türe offen ist. Der total erkältete Mann neben uns meint nur: «Kalt, nicht wahr?» Kalt sei ein bisschen untertrieben, finden wir zwar, aber der Einheimische meint nur, das sei Gewohnheitssache… Es geht endlich los – mit offenem Fahrerfenster! – sonst beschlägt sich die Frontscheibe. Gibt es keine andere Möglichkeit, als das Fenster zu öffnen?! Weit kommen wir nicht, wieder in Lagunas stoppen wir. Wir müssen das Fahrzeug wechseln, wegen den Bremsen. Wir stehen eine Ewigkeit draussen und überlegen uns währenddessen wie lange es wohl noch geht, bis wir festfrieren. Lange kann das nicht mehr gehen.

Dann endlich im neuen Gefährt drehen wir noch eine Runde an die Grenze, wo wir etwas Warmes zu trinken bekommen. Die Sonne kommt auch endlich, wärmt ein bisschen, wir überleben die Fahrt tatsächlich, was zwar einem Wunder gleich kommt…

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