1154 Tage Guatemala Zentralamerika

Eintauchen in ein Stück Geschichte

>> Nebaj, Guatemala
Guatemala ist nicht nur wunderschöne Natur und fabelhafte Mayakultur, das Land hat auch dunkle Zeiten hinter sich. Minieinführung:
Manuel Castillo Armas wird 1963 zum Präsidenten «gewählt» und mutiert zum Diktator. Im gleichen Jahr schliessen sich die diversen revolutionären Gruppen zusammen und das Land taucht in einen Bürgerkrieg, welcher 1996 enden wird.
1982 werden tausende indigene Völker durch Efraín Ríos (löst Armas als Diktator ab, «dank» Unterstützung der USA) massakriert.


Wir fahren die geschwungene Strasse hoch in die Berge. Genauer in das Ixil-Dreieck, wo Nebaj und andere sehr isolierte Dörfer liegen. Das Ixil-Dreieck wurde um 1982 am härtesten vom Massaker getroffen.
Wir wollen dorthin, um ein bisschen mehr über die Geschichte und die Leute zu erfahren.


Auf fast 2000 Meter Höhe ist es merklich kälter und wir sind froh ein warmes «Hospedaje» zu finden. Wir stehen plötzlich in einem Wohnzimmer, wo wir sehr herzlich von der Besitzerfamilie begrüsst werden. Durch die Küche hindurch gehen wir in den oberen Stock, wo sie ganz neu Zimmer gebaut haben. «Die Betten kommen von Guatemala Stadt» heisst es. Das muss wohl etwas bedeuten, also nicken wir beeindruckt.

Die Kinder beobachten uns neugierig, bis sie irgendwann auftauen und uns mit Fragen löchern. Später befinde ich mich mit ihnen am Boden und bastle einen Würfel aus Karton, damit wir das Spiel, welches sie als Beilage in der Zeitung entdeckt haben, spielen können. Zum Glück bezieht ein anderes Paar auch ein Zimmer und wir können uns mit ihnen unterhalten, sonst hätte ich wohl noch stundenlang spielen müssen… 😉

Ein Würfel basteln und es kann los gehen...

Im Hospedaje Votzotz, was auf Ixil (Mayasprache) «Zuhause» heisst, fühlen wir uns auch gänzlich Daheim. Die Sonne strahlt vom Himmel, wir können waschen, Haare schneiden, plaudern und sonstigen Krimskrams erledigen.

Von der Mutter des Hauses werden wir sogar bekocht und wir können die Spezialität von Nebaj degustieren: Boxboles. In Blättern gekochte Maismasse, die mit Zitrone und scharfer Tomatensauce gegessen wird. Es schmeckt herrlich.

Unser

Da wie schon erwähnt die Geschichte hier in Nebaj die Hauptrolle unseres Besuchs spielt, wollen wir mit Caroline und Christophe, den beiden anderen Reisenden, eine geführte Wanderung in ein abgelegenes Dorf namens Cocop machen.

Obwohl wir in einer Kooperative mit einheimischen Guides buchen, wird die Wanderung leider ein Reinfall. Naturmässig ist es toll, aber leider ist der Guide nicht sehr gesprächig. Er sagt den ganzen Tag kaum ein Wort. Auf unsere Fragen, kommt entweder nur ein stummes nicken oder er erfindet eine Ausrede, warum er gerade nichts erzählen kann.
Wir verstehen, dass es Menschen gibt, die Mühe haben über diese Vergangenheit zu sprechen, aber dann sollten sie nicht Guide werden. Kommt noch dazu, dass es ein Argument der Kooperative ist mehr über die Geschichte mit einem Guide zu erfahren. Sonst hätten wir den Weg auch selber abmarschieren können…

Egal, wir verbringen einige gute Tage, und kundschaften die Umgebung aus. Die Mayafrauen tragen wunderschöne Kleider. Die Männer tragen leider, wie meistens, kaum traditionelle Kleider. Die Frauen kleiden sich mit langen, bordeauxroten oder braunen Wickelröcken, die gelbe Längsstreifen haben. Die Oberteile sind sehr farbig und schön bestickt. Aber das tolle ist die Kopfbedeckung. Sie flechten liebevoll ein langes Band in die Zöpfe, welche dann um den Kopf gewickelt werden. Am Schluss des Bandes hängen mehrere farbige «Pompons» Es sieht ein bisschen aus wie eine Krone. Wirklich hübsch.

Das Schicksal will es, dass wir morgens an unserem eigentlichen Abreisetag Caspar kennen lernen. Caspar ist der Guide, den wir gebraucht hätten. Er ist zwar bekannt, aber da er kein Büro hat und in Santa Marta mit zurückgekehrten Flüchtlingen lebt, muss er die Leute finden.
Wir plauderten eine Weile auf der Strasse miteinander und hatten schon nach 15 Minuten das Gefühl mehr erfahren zu haben, als auf der Wanderung an einem ganzen Tag.

Wir verschieben unsere Abfahrt um einen Tag und unternehmen mit ihm eine kleine Führung in der nahen Umgebung von Nebaj zu einem Friedhof mit meist namenlosen Gräbern aus der Bürgerkriegszeit. Er meint, es sei wichtig, dass die Touristen die Geschichte erfahren würden und diese wiederum alles zu Hause erzählen sollen. «Und es erleichtert meine Seele, wenn ich darüber sprechen kann» meint er.

Er war elf, als seine ganze Familie ausgelöscht wurde. Einige Jahre lebte er im Chiapas in Mexiko, wie viele Flüchtlinge dazumal, nun ist er aber wieder zurückgekehrt. «Nur von meinem Grossvater weiss ich, wo er begraben liegt, meine Mutter und mein Vater sind wohl irgendwo auf einem der namenlosen Friedhöfe» erzählt er uns.
Er hat immer einen kleinen Jungen im Schlepptau, ein Waisenkind, welches auch in Santa Marta lebt, wie viele die das gleiche Schicksal tragen.

Der Friedhof gleicht einer Wiese, wo verstreut farbigen Holzkreuze stecken. 1200 Menschen sind hier vergraben, meist namenlos, weil man sie im Wald gefunden hat. Noch heute macht man anscheinend tote Körper ausfindig.

... werden auch mit Blumen beschmückt

Auf dem «normalen» Friedhof, besichtigen wir das Massengrab der gut 400 Kinder. Ein Betonhäuschen, wo stets Kerzen brennen und auch Holzkreuze stehen.

Die ganze Exkursion ist zwar kurz, aber intensiv. Es hat sich auf alle Fälle gelohnt noch mit Caspar hierher zu kommen und so noch eine persönliche Geschichte kennen zu lernen. Es ist beeindruckend und zugleich haarsträubend.

Im Moment steht Guatemala vor neuen Präsidentschaftswahlen. Anfang November gilt es ernst. Seit den Vorwahlen bleiben noch Alvaro Colom (Mitte-Rechts) und Otto Pérez Molina (ein Ex-General, sehr Rechts), letzterer war zu den Bürgerkriegszeiten an mehreren Massakern beteiligt (seine Militäreinheit). Der Mensch vergisst schnell…

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