1154 Tage Afrika Benin

Die Zeit vergeht wie im Flug

›› Grand Popo, Benin
Nun haben wir noch drei Wochen, die wie befürchtet schnell verstreichen.
Es wird immer heisser hier unten. Nur schon die kleinste Bewegung lässt uns Schwitzen, als wäre man in einer Sauna. Jeder Schritt wird genaustens kalkuliert, man bewegt sich nur noch, wenn es wirklich sein muss. Andererseits geniessen wir die letzten Wochen in vollen Zügen, nur mit dem ständig begleitenden Gedanken an die Heimreise.

«Wann geht ihr nach Hause?» ist die meist gestellte Frage unter Reisenden. Nun gibt es unsererseits nicht mehr grosse, fragenden Augen und ein undefinierbares Schulterzucken, sondern eine Antwort. Unglaublich, oder? 😉
Wenigstens geht es zuerst nach Frankreich und wann der letzte Schritt gemacht wird, können wir noch selber entscheiden. Immerhin. Eine Art Rettungsnetz, an das man sich klammert. Die hitzigen Gedanken, die Tatsache nun nach Europa zu gehen, die sich in wildeste Vorstellungen umwandeln, werden regelmässig im Ozean abgekühlt.

Fischer

Coco

Jeden Samstag gibt es bei Gildas in der Bar Party. Am letzen Samstag nehmen wir uns vor bis zum letzten Ton des «Sound Systems» dabei zu sein. Es kommen viele Leute, die Stimmung ist gut und ausgelassen und wir bleiben wirklich bis zur letzten Note. Gildas spielt unter anderem die Hits der Bar und unsere Lieblingslieder – es ist eine gute Abschiedsparty. Und das beste daran: alles ohne einen einzigen Stromunterbruch!

Sound System

In Benin erleben wir diese Unterbrüche am Schlimmsten. Entweder ein Zeichen dafür, dass es bald anfängt zu regnen (die sind besser als ne Wetterstation!) oder halt… einfach so. Man weiss nie für wie lange. Es kann Stunden oder Tage gehen.
Wenigstens nicht an «unserem» Samstag. Dafür gibt es dann sonntags den ganzen Tag keinen Strom und regnen tut’s ebenfalls 24 Stunden lang. Wenn sogar der Himmel weint, wie soll es da unserem Gemüt gehen?

Abendstimmung

Montag
Heute ist ein richtig schlimmer Tag. Diesen Mittwoch müssen wir von Cotonou nach Ouagadougou reisen. Einziges Problem: wir haben noch kein Ticket, erreichen niemanden um eines zu reservieren und wissen ausserdem nicht einmal mit Sicherheit, ob am Mittwoch ein Bus fährt.

Noch nie mussten oder wollten wir etwas reservieren allerdings wenn es mal sein sollte, klappt es einfach nicht. Es kommt langsam aber sicher leichte Nervosität auf. Man sagt uns, der Bus nach Ouagadougou sei immer voll. Von überall her hört man die grusligsten Geschichten über diese Busfahrt, obwohl wir die gleiche Strecke in Gegenrichtung schon mal gefahren sind. Einfach nie an einem Stück. Wir stellen uns auf eine schlimme Fahrt ein. Schliesslich ist es die letzte Busfahrt, die kann ja gar nicht reibungslos verlaufen, oder? Warum um Himmels willen fliegen wir nicht von Cotonou? 😉

Männlein und Weiblein

Ich bin einem Nervenzusammenbruch nahe. Nicht wegen der Busfahrt, einfach weil nun alles zusammen kommt. Wir merken, dass wir uns mit der übrigen Zeit verrechnet haben, dass wir später in Ouagadougou ankommen und früher abfliegen, als angenommen. Alles in allem «fehlen» zwei Tage. Zwei Tage die wir unserem eh schon kurzen Aufenthalt in Burkina Faso abziehen müssen.
Der Aufenthalt dort ist extra so kurz. Damit wir nicht in Versuchung geraten nochmals nach Bobo-Dioulasso zu fahren. Verabschiedet haben wir uns dort schon von allen und noch einmal verkraften wir das diesmal nicht. Jedoch ein paar gemütliche Tage in der dortigen Hauptstadt wären mehr als angenehm.

Die Tatsache, dass wir übermorgen von hier weg müssen stimmt uns traurig. Was heisst traurig! Leicht depressiv, niedergeschlagen, melancholisch, nervös, trübsinnig. Ein Gefühlsdurcheinander von unbekannten Dimensionen!
Wir sind aufgewühlt, angespannt und hektisch. Wie wäre es, das Flugticket einfach ins Meer zu werfen? Nein, bei normalem Verstand würden wir sagen, diese Entscheidung sei die richtige. Oder? Befürchtungen, Magenschmerzen und Zweifel tauchen auf.
Ich dachte der Abfahrtstag würde der Schlimmste sein, aber nein, es ist der Montag. Auch Gildas fühlt unseren inneren Konflikt. Diese Ungewissheit und Unruhe. Die Nerven liegen blank.
Man könnte noch so lange versuchen zu erklären was los ist, wir wissen es ja selber nicht. «Ich weiss was ihr braucht» sagt er und bringt einen Spezialcocktail aus seiner Bar. Tatsächlich. Unter normalen Umständen wären wir gleich eingeschlafen oder vom Hocker gefallen bei diesem Wundercocktail. Immerhin hilft er wirklich. Wir werden ruhiger. Nehmen es wie es kommt. Wie gewohnt. «Macht Euch keine Sorgen mehr» meint er, «ich kümmere mich um den Bus.»

Dienstag
Eigentlich wollten wir uns in den letzten Tagen ein bisschen um Souvenirs kümmern. Ehrlich gesagt haben wir das die letzen drei Jahre nie gemacht und im Moment drehen sich die Gedanken um alles andere als Souvenirs. Wir sind müde. Die Aufregung ist zwar noch da, hat sich hingegen ein bisschen gelegt.
Vor allem seit es eine richtig gute Nachricht gibt. Gildas hat seine Beziehungen spielen lassen und verkündet entspannt: «Ein Freund von mir hat in Cotonou zwei Bustickets reserviert. Für Mittwoch. Ihr könnt ihm in der Hauptstadt anrufen, er holt Euch ab und bringt Euch zum TCV-Busbahnhof.»
Wow! DAS sind gute Nachrichten. So ist Afrika ebenfalls. Vom geglaubten Chaos geht es zack-zack und alle Probleme sind schlagartig vom Tisch gefegt. 
Ein Stein fällt uns vom Herzen. Was heisst ein Stein! Und das Versprechen ist nicht nur so daher gesagt, der Bus-Freund ruft abends noch an und bestätig alles.

So können wir den ganzen Tag geniessen. Inklusive dem Abendessen das extra für uns gekocht wird: Igname Pilé (Yamswurzel-Purrée, kartoffelähnlich), Mafé (Erdnusssauce) mit Fromage Peuls (gebratener Käse der Peuls, eine Stammesgruppe in Westafrika). Es ist sehr lecker.
Leider muss noch gepackt werden, denn morgen soll es früh los gehen. Das wird so schnell und schmerzlos wie nur irgendwie möglich erledig.

Mittwoch
Abfahrtstag – Abschiedstag. Obwohl der Flug erst am Sonntag ist, geht mit dieser Fahrt irgendwie diese Reise zu Ende. Gerade heute wird einem das Wort Transportmittel so richtig bewusst. Transportiert werden. Fertig lustig.

Überlastet

Frühmorgens, müde von der schlechten Nacht, schleppen wir uns auf die Terrasse, wo Gildas zum abgemachten Frühstück wartet. Sogar er scheint nicht so fröhlich wie sonst. Die Spiegeleier wollen auch nicht richtig in den Magen rutschen. Es nieselt, der Himmel ist wolkenverhangen.
Im Lion-Mobil bringt uns Gildas zur Kreuzung, wo die Kollektiv-Taxis vorbei fahren. Sogar Ilovejah kommt mit. Die gute Seele der «Lion Bar» und alter Freund von Gildas. Da können wir uns wohl was darauf einbilden 😉

Wir sollten um zehn Uhr in Cotonou sein um das Ticket früh genug beziehen zu können, ansonsten wird es weiterverkauft. Normalerweise muss man sich an dieser Kreuzung keine fünf Minuten auf einen freien Sitzplatz gedulden. Ausser heute. Beinahe eine Stunde dauert es bis endlich ein langgezogenes, undefinierbares Gefährt daher… gerattert kommt. Eines dieser Objekte, wo man im Kofferraum eine «Sitzreihe» mehr eingebaut hat um noch mehr Menschen befördern zu können.

Schleppen

Verabschiedung im Nieselregen, wenigstens fallen so die Tränen nicht derartig auf.
So tuckern wir an der wohl unästhetischsten Hauptstrasse Afrikas Richtung Cotonou. JC auf dem Beifahrersitz, den er mit jemandem teilen muss, ich auf der Kofferraum-Bank mit dem Kopf im seitlichen 90-Grad-Winkel.
Jeder in seinen Gedanken versunken geht immerhin die Fahrt schnell vorbei. Im Grossraum Cotonou geht es wie immer nur zähflüssig vorwärts. Diesmal nicht nur wegen des stockenden Verkehrs. Die Polizei steht an der Strasse. Ich sehe nur wie ein Mann auf dem Rücken am Strassenrand liegt. Tot. Ein raunen geht durchs Taxi, obwohl solche Unfälle zum Alltag gehören. Zum Glück sehe ich nicht alles. Aber an JCs plötzlich bleichem Gesicht sehe ich sofort, wie schlimm es ausgesehen haben muss. Einer der vielen Moped-Fahrer ohne Helm. Ich erspare Euch die Einzelheiten.

Verkehr

Das Taxi lässt uns beim riesigen Platz und Kreisel «Etoile Rouge» raus. An einer Tankstelle wartend rufen wir den Ticket-Mann an. Er komme gleich heisst es. Gildas sagte, er sei Chauffeur. Insgeheim hoffend, während wir den tausenden Fortbewegungsmitteln, die sich qualmend über den Asphalt schieben zuschauen, er komme mit dem Auto
Der Mann kommt. Verständlicherweise nicht mit einem Auto, sondern mit seinem Moped. Wir schlucken kurz, hofften keine halsbrecherische Fahrt inklusive Gepäck auf einem Moped mehr machen zu müssen. Vor allem nach diesem Unfall, den wir heute gesehen haben. Nun gut. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir winken noch einen «richtigen» Zem-Fahrer herbei. Es kann los gehen. Ich hocke dem inoffiziellen Fahrer auf den Sattel. Nun merke ich schnell, dass er keine Erfahrung hat mit Gepäck und Mitfahrer. Noch stehend fallen wir an der Tankstelle um. So bekomme ich trotzdem noch ein Souvenir aus Benin: ein riesiges Brandmal des Auspuffs.

Moped

Ansonsten überleben wir die wackelig Fahrt durch Cotonou gut. Endlich beim Busbahnhof gibt es die ungeduldig erwarteten Bustickets. «Die beiden haben Euch tagelang versucht anzurufen. Eure Telefonnummer im Internet stimmt überhaupt nicht!» schnauzt Gildas‘ Freund den Verkäufer an. Dieser, sichtlich desinteressiert, schliesslich ist TCV eine burkinische (steht so im Duden!) Firma, streckt er uns eine Visitenkarte entgegen. Die interessiert uns nun nicht mehr wirklich.
Voraussichtlich sollten wir heute Abend um 20 Uhr Richtung Ouagadougou abfahren. Wenn alles gut geht selbstverständlich. Vorerst heisst es die restliche Zeit totzuschlagen.

Spatzieren

Wir wandern von «Maquis» zu «Maquis» und Schlendern von Strasse zu Strasse. Es regnet immer wieder. Die Strassen sind glitschig. Schon wieder schaue ich einem Moped-Fahrer zu, wie er auf dem nassen Asphalt ausrutscht und ins Schleudern kommt. Diesmal geht es wenigstens gut, ausser dass seine Schuhe weit weg fliegen passiert nichts. Was ist nur heute los?
Als wir wieder einmal in einem Strassenrestaurant landen, weil es regnet und verwundert über die Voodoo-Sendung im Fernseher an einem Getränk nippen, setzt sich ein Beniner an den Tisch. «Was macht ihr in Cotonou?» fragt er uns. «Wir warten auf den Bus». Er hat Mittagspause. Er versucht bei der Maquis-Bedienung ein Tagesmenü zu bestellen. Gelangweilt sagt sie, es gebe nichts mehr, ausser einem Sandwich. Es regnet immer stärker. Man redet vom Wetter bis sich ein interessantes Gespräch entwickelt.

Strassenverkäufer

«Warum reist ihr?» fragt er nachdem die Frage, ob wir hier arbeiten verneint wurde. «Ich meine, was genau macht man wenn man reist? Warum seid ihr hier?» Seine Augen schauen aufgeweckt und erwartungsvoll durch die kleinen Brillengläser, währenddem er sich über das hausgemachte Joghurt hermacht. Wir nippen am Sprudelwasser, hinter ihm flimmert nun eine unmögliche Seifenoper über den Bildschirm. 
Er ist Informatiker und arbeitet für die Computersicherheit einer Bank gerade hier um die Ecke. «Findet man bei Euch denn so einfach und schnell wieder einen Job, dass man ohne Weiteres künden kann?» Er wundert sich sehr, obwohl wir nicht die ersten Reisenden sind, denen er begegnet.
Bevor er geht will er unbedingt wissen, was wir von seinem Land halten. Wir zögern, sagen ihm dann hingegen ungeschminkt, aber durchdacht, was wir von Benin halten. Er hört schweigend zu, grinst zwischendurch und nickt mit dem Kopf. Die Diskussion weitet sich auf Westafrika aus und wird politisch.
«Ein bisschen verstehe ich nun, warum ihr reist. Ich denke ihr habt viel von Afrika verstanden» sagt er beipflichtend. Leider muss er bald wieder zur Arbeit. Selbst hier schaut der Chef streng, wenn man zu lange in der Mittagspause sitzt.

Irgendwann wird es sogar in Cotonou mal Abend. Die riesige Menschenmenge, die vor dem Busbahnhof-Häuschen steht, will auch nach Ouagadougou. Zum Glück haben wir das Ticket ja schon. Nur dass man sich bei der grossen Anzahl an Menschen hier, kaum vorstellen kann, wie alle in einen Bus passen. Da heisst es vom Chef, dass man noch auf den zweiten Bus wartet. Dieser kommt von Nigeria. Und zwar voll.
Hier steigen dann ein paar Leute aus, das Gepäck muss umgepackt werden, neue Leute steigen zu und wir müssen zusammen weiterfahren. Wegen der Sicherheit.
Das kann ja heiter werden. Sieht schlecht aus mit der Abfahrt um 20 Uhr, denn der Bus aus Nigeria ist noch nicht da. Wollen die denn nicht, dass wir von hier endlich mal wegkommen?

Ob und wie die Fahrt weiter geht, erfährt ihr beim nächsten Mal…

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