1154 Tage Afrika Benin Burkina Faso

Die letzte Busfahrt

›› Ouagadougou, Burkina Faso
Irgendwann nach 20 Uhr kommt Ungeduld auf. Seit drei Jahren gehört das Warten auf den Bus zur Routine, heute ist jedoch absolut keine Geduld vorhanden. Es soll einfach losgehen.
Wenigstens sind viele Burkinabés hier, (die Einheimischen, die auf Deutsch so komisch Burkiner heissen) die ebenfalls warten bis sie in ihr Heimatland fahren können.
Obwohl die Zeit bei und mit Gildas wirklich genial war werden wir mit der Bevölkerung Benins nicht wirklich warm.
Der Unterschied ist schon an der Busstation frappant. Die Burkinabés lachen, die Beniner nicht, die Burkinabés sind freundlich, die Beniner nicht. Nun ja, die Liste könnte noch lange werden. Keine Ahnung was mit diesem Land los ist.
Das Schlimmste ist die gegenseitige Respektlosigkeit. Es ist nicht aufrichtiger Respekt, den man jedem Menschen gegenüber haben sollte, man respektiert sich hier nur aus Angst vor dem anderen und daran ist der Voodoo schuld.
In keinem Land ist Voodoo so stark präsent wie in Benin und da man nie wissen kann, wer wen nun gerade Verwünschen will oder etwas ins Glas kippen könnte, tut man lieber mal so, als respektiere man sich.
Es gibt in vielen Ländern Geheimkulte, die allerdings auf die eine oder andere Weise positiv gebraucht werden. Hier wünscht man entweder seinem Nachbarn etwas Schlechtes oder holt sich sonst eigenen Schutz um zum Beispiel Messerstiche zu überleben…
Anderswo bittet man einen «Geist» oder ähnliches um etwas Gutes für sich oder andere, nichts Böses! Und wenn es dann sogar geklappt hat, bringt man eine kleine Gabe als Dankeschön zurück.
Dass sich Voodoo stark auf die Menschen auswirkt (und irgendwie nicht positiv) kann man sich gut vorstellen. Voodoo soll bei Weissen im Übrigen gar nicht funktionieren.

Doch zurück zur Busstation. Man plaudert angeregt mit den Wartenden, so vergeht die Zeit etwas schneller. Mit dem gemischten Paar, er aus Burkina Faso, sie aus Frankreich zum Beispiel. Sie arbeitet hier und er kam sie für eine Weile besuchen doch nun halten es die beiden nicht mehr aus in Benin. Die Leute seien freudlos, aggressiv und lachen nicht. Und hier arbeiten sei schrecklich. Obwohl sie in einer Hilfsorganisation sei und man denken könnte, die Leute seien froh darüber, arbeitet man gegen sie. Es ist schwierig berichten die beiden. Wir können die Situation gut verstehen.
Egal, die Zeit in Benin war trotzdem gut, aber aus diesen Gründen wollen wir von Burkina Faso abfliegen. Ein Abschied von lächelnden Menschen…

Die beiden müssen in den Bus, der aus Nigeria kommt. Sie zweifeln daran, dass sie heute noch abfahren werden. Wer nicht… denn der Bus aus Nigeria ist inzwischen zugegebenermassen da, es herrscht jedoch heilloses Durcheinander, denn es wurde ein ganzer Stapel Pässe an der Grenze vergessen! Sicherheit hin oder her, im ersten Bus kann man zusteigen, die vom zweiten Bus müssen warten, bis jemand an die Grenze zurückgefahren ist um die Pässe zu holen.

Es ruckelt wie verrückt, was macht denn der Bus auf der Piste? Der Blick aus dem Fenster bestätigt zwar, dass die Räder über Teer rollen, die Strasse ist einfach in einem miserablen Zustand.
Trotz TCV-Busgesellschaft klappt heute nichts sonderlich gut. Die letzte Busfahrt sollte nebstdem nicht die Schönste werden, nicht wahr? Und warum wir seit drei Jahren in den Bussen immer genau unter den Lautsprechern sitzen bleibt ebenfalls ein Rätsel.
Inklusive gutem Service in voller Lautstärke und heute sogar ohne Ohropax im Rucksack. Wo sind die Dinger hingekommen? Normalerweise sind sie immer mit dabei. Vielleicht wirklich Voodoo?
Zusätzlich geht das Licht immer an und aus, womöglich wäre der Chauffeur in einer Disco nützlicher. Um 23 Uhr ist die Musik immer noch auf Partylautstärke, obwohl alle schlafen wollen.
JC steht auf und reklamiert beim Co-Chauffeur. Leider als einziger. Der reizende Mann meint nur, die Musik müsse sein sonst schlafe der Fahrer ein. Gut! Ist allen sicher lieber, dass der wach bleibt, allerdings können Chauffeure normalerweise ihren Bus bedienen und wissen wie man die hinteren Lautsprecher (und Lichtschalter) betätigen kann. Nur nicht dieser Chauffeur. Er will auch gar nicht, denn es interessiert ihn herzlich wenig. Der muss ein Beniner sein.

Die ganze Nacht ist der Bus allein unterwegs gewesen. Vom zweiten Bus – Sicherheit hin oder her – war nie etwas zu sehen. Kurz vor der Grenze, es ist inzwischen wieder hell, hält unser Bus. Schnell mal Pipi machen, tanken und die Beine vertreten. Und warten. Auf den zweiten Bus – jetzt, da es wieder hell ist…
Es sind viele Menschen im Bus, die sich irgendwie in Benin verletzt haben und zurück nach Burkina Faso müssen. Der eine hat den ganzen Arm eingebunden, eher schlecht als recht geflickt. Man sieht ihm seine Schmerzen an. Ein anderer hat einen Fuss, so dick wie der eines Elefanten. Auch für ihn ist diese lange Busfahrt eine Qual und trotzdem wird ständig und immer angehalten und gewartet. Niemand informiert die Fahrgäste, niemand fragt etwas. Die Muslime nutzen dafür die Zeit um ihr Morgengebet zu erledigen, dann geht es wieder weiter Richtung Grenze.

Nach Dutzenden von kleinen Stopps und Papierkram dreht der Co-Chauffeur seine Runde im Bus und verlangt von allen Fahrgästen 500 FCFA (= etwa 1 CHF) Niemand fragt, warum und wofür das ist. Gut, vielleicht sind wir die einzigen die das nicht wissen. Der gute Mann druckst herum, will nicht recht antworten zu welchem Zweck das Geld gebraucht wird, bis er murmelt, es sei für die Pässe die er zum Büro trage um für jeden einen Stempel zu holen. Aha. Das können wir selber, müssen wir dem Herrn Beamten sowieso noch Angaben machen, wohin der Ausreisestempel soll, die letzte, freie Seite wird nämlich noch für das Visum von Burkina Faso gebraucht.
Nun sind wir zwei Bleichgesichter die einzigen, die nicht bezahlt haben.

Am Grenzhäuschen müssen dann trotzdem alle aussteigen. Wo ist nun die Logik? Wenn ich schon für einen Service bezahle, müsste ich mich im Übrigen nicht mehr bewegen, oder? Ein kleiner, dicker Mann, fast ohne Hals und rundem Kopf schreit schon mal lauthals die Leute an, sie sollen sich gefälligst unter den Baum stellen und JAAAA nicht zu nah ans Grenzhäuschen kommen, denn da hätten sie nun gar nichts zu suchen. Oha, der Mann scheint heute mit dem linken Fuss aufgestanden zu sein und seine Autorität zu geniessen.
Die Afrikaner sind sichtlich beeindruck und rücken nach hinten. Wir spazieren frohen Mutes zum Grenzwächter, da er ja noch unseren Pass braucht. Nun wird der Co-Chauffeur in der lokalen Sprache angeschrien, man muss nichts verstehen um zu wissen, dass es um uns geht. «Was wollt ihr» schnauzt er auf französisch. Wir erklären das Problem mit der leeren Seite. Der Dicke nimmt die Pässe an sich und ich höre nur noch ein leises «Nein, sie haben nicht bezahlt» vom Busmann. Dafür bekommt er ein nettes Lächeln von uns. Gratis! Beim Dicken gibt es kein Lächeln, dafür ein böser Blick: «Steht gefälligst nicht so da und geht zu den anderen.»
Wehe man will in den Schatten unter das Palmendach, nein es muss der Baum sein. Es ist schaurig heiss. Je nördlicher man fährt desto heisser und trockener wird es.

Trocken, heiss und gelb

Will man rauchen wird man von einem Beamten auf die Strasse verbannt, auf der Strasse kommt wieder einer, der meint man verpeste hier mit dem Qualm die Luft und solle aufhören. Wohlgemerkt, der Motor des leer stehenden Busses läuft noch… Strassenköter werden besser behandelt als diese Menschen. Niemand wehrt sich, jeder hat bezahlt, man spürt eine Angst unter den Menschen. Wir haben eine Wut im Bauch und fragen die Anwesenden, was das genau soll. Die Frau nebenan, mit Aktentasche, Laptop und hübscher Brille ausgerüstet, also sicher mit einem anständigen Job sagt nur leise: «Sie haben mich das letzte mal drei Tage hier behalten, weil ich nicht bezahlt habe…». Ein anderer meint man habe ihn einen Tag hier behalten, trotz Bezahlung, er habe halt nicht alles mit sich machen lassen. Korruption und Machtspiele gehören zum täglichen Leben. Uns Weissen tun sie nichts. Einen Weissen kann man nicht einfach so ohne Konsequenzen drei Tage einsperren. Einen Schwarzen leider schon. Jeder weiss dass es so läuft – doch wen interessiert’s?
Und das sind nicht die ersten Geschichten von Machtmissbrauch, die wir hören, Ähnliches gibt es leider überall und ständig in diesen Ländern.

Der kleine, kugelige Beamte baut sich vor den Leuten auf und ruft Pass für Pass die Namen auf. Obwohl er gewisse Namen falsch ausspricht und korrigiert wird, findet er nur: «Das ist mir egal, das steht hier so geschrieben».
Zu guter Letzt können wir diese Typen und dieses Land verlassen. Es ist geschafft, der Ausreisestempel ist drinnen – sogar an der richtigen, verbleibenden Ecke im Pass.

Von weitem sieht man die Fahne von Burkina Faso im Wind flattern. Braucht man ein Visum, muss man zum Chef. Wir sind wieder die einzigen die zum Chef müssen. Von zwei freundlichen Beamten werden wir fast entschuldigend darauf hingewiesen, sich noch ein bisschen zu gedulden. Kein Problem, wenn man nett gefragt wird (und der Bus wartet…?) 😉
Wohlgemerkt, es ist gegen sieben Uhr morgens, der Chef kommt erst herein gestolpert, allerdings frisch aussehend für diese frühen Morgenstunden.
Grimmig ist er auch nicht, im Gegenteil. Es werden ausgiebig die Hände geschüttelt und man wünscht uns ein herzliches «Bienvenue au Burkina!» Wir wussten ja wie die Burkinabés sind, man ist hingegen immer wieder positiv überrascht. Und nach so einem Grenzwechsel wie heute, will man diesem netten Herrn eigentlich nur um den Hals fallen.
Man plaudert mit dem Chef über Gott und die Welt und sagen ihm, dass es einfach eine Freude sei hier zu sein und GUT behandelt zu werden. «Hat nicht so gut geklappt dort drüben», meint er nur. Wir erzählen ihm alles und nehmen an, dass er es sowieso schon weiss. Von dem Geld das eingesammelt und unter den Beamten verteilt wird und der Art wie man mit den Leuten umgeht. Und wohlgemerkt: 500 Francs pro Person in einem vollen Bus geben glatt 26’000 Franc (etwa 60 Franken) – etwa einen Monatslohn eines einfachen Angestellten!

Natürlich sei ihm bewusst, was sich die Beamten dort leisten, «aber mir sind die Hände gebunden, ich arbeite für Burkina Faso, ich kann nichts tun. Ihr könnt höchstens diese Geschichten erzählen und darüber berichten».
Für das Visum bezahlen wir den korrekten Preis (10’000 FCFA), bekommen eine Quittung (!), diverse Stempel in den Pass plus Kritzeleien und es kann weiter gehen.

Nun ist der Reisepass bis zur letzten Seite proppenvoll…

Ein bisschen weiterfahren und wieder warten. Gepäckkontrolle, die gut anderthalb Stunden geht. Das ist anscheinend sogar richtig zügig! Unterdessen geht es auf die Suche nach Frühstück, an einem Strassenstand findet man sein Glück: Eieromelette im Brot und Kondensmilchkaffee. Eine Begrüssung, ein Schwätzchen ausserdem lachen die Menschen wieder. Es ist herrlich und unglaublich zugleich. Jetzt ist es gerade egal wie lange die Gepäckkontrolle geht, Hauptsache wir sind in Burkina Faso, selbst wenn es im Moment nur das kleine Grenzörtchen ist. Leider ist Ouagadougou noch weite 400 Kilometer entfernt.

Diese Fahrt will kein Ende mehr nehmen. Es wird konstant heisser, geht immer weniger schnell vorwärts und der Abend rückt unablässig näher.
Doch nach 1000 Kilometern Totalstrecke sind wir am Ziel und in der neuen Hauptstadt.
Hundemüde aber glücklich auch die letzte Busfahrt überstanden zu haben streiten wir noch ein bisschen mit einem Taxifahrer wegen des übertriebenen Fahrpreises. Das muss nun noch ein bisschen genossen werden, bald ist ja feilschen nicht mehr angesagt. 😉

Liegt am Strassenrand

Das Gepäck wird einfach mal in eine Ecke geschmissen und nach einer Dusche fühlt man sich sogar wieder munter. Als erstes gehen wir unserer Lieblingsbeschäftigung nach: in ein «Maquis» sitzen und ein Bier trinken 😉
Beim durch die Strasse schlendern kommt die grosse Frage auf, wer denn nun Ouagadougou so schlimm gefunden hat! Nach Cotonou ist Ouagadougou richtig gemütlich, ein Dorf, klein, übersichtlich und gar nicht so lärmig und hektisch wie wir es beim ersten Mal empfunden haben. Eine herrliche Stadt. 😉
Kaum hat man es sich auf einem Plastikstuhl gemütlich gemacht, wird man höflich begrüsst und bedient, die Metalltischchen werden zurecht gerückt, ein kühles «Flag» serviert und eine rege Plauderei mit dem Barbesitzer und dessen Freund ist schon in vollem Gange, zwei witzige Kerle – herrlich in Burkina zu sein!

Fliegende Händler bieten ihre Ware an, aus Spass an der Freude nehmen wir uns bei jedem Zeit und gucken die Sachen an. Es wird diskutiert, geblödelt und gekauft.
Kaum 30 Minuten in der Stadt, kennt man schon die halbe Strasse und eine ausgelassene Stimmung herrscht. Genau das hat in Benin so gefehlt und genau wegen dem sind wir nochmals zurück gekommen. Burkina Faso und seine Einwohner wickeln uns wieder einmal mehr um den Finger. Obwohl man weiss wie es hier ist, staunt man von Neuem und ist immer wieder entzückt.

Nun ist Donnerstag. Spät in der Nacht fallen wir erschöpft ins Bett. Sonntagnacht heisst es abfliegen! Bis dahin liegen noch ein paar anstrengende Tage vor uns. Und ins Maquis können wir nur noch dreimal…

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