1154 Tage Nicaragua Zentralamerika

Die Karibik muss man sich verdienen…

>> Big Corn Island, Nicaragua
Wir fahren von Granada, wo wir ein paar Tage Zwischenaufenthalt gemacht haben, nach Masaya. Schliesslich möchten wir endlich unsere Fahrt Richtung Karibik aufnehmen.
Kurz vor Masaya hören wir plötzlich ein komisches Geräusch, dann – PENG! – ein ohrenbetäubender Knall. Ein Hinterreifen, welcher sowieso schon kein Profil mehr hatte ist geplatzt!
Alle Mitinsassen steigen aus und so stehen wir inmitten einer Strasse und kommen nicht weiter. Die Einheimischen umzingeln den Ayudante, es wird diskutiert.
Wir wissen nicht recht, ob nun der Reifen gewechselt wird und wie weit eigentlich noch Masaya entfernt ist.
Ein Mann meint, dass wir unbedingt unser Geld verlangen sollen. Wir verstehen nicht ganz.
Aber, da ein geplatzter Reifen, oder sonstige «Unannehmlichkeiten» wohl an der Tagesordnung liegen, ist es hier ganz normal sich das Geld zurückerstatten zu lassen.
Wir bekommen sogar unser ganzes Fahrgeld zurück, obwohl wir nur noch ein paar Minuten von unserem Ziel entfernt sind.


Von Masaya fährt der Bus nach Tipitapa, wo man an der grossen Kreuzung den Bus nach Juigalpa, oder gleich ans Ende der Strasse, nach Rama, bekommt. Der Bus ist das reinste Desaster. Der Schulbus ist total überfüllt und trotzdem will mindestens die Hälfte der Unzahl an Menschen hier an der Kreuzung auch noch in den Bus. Es geht. Alle, inklusive wir, quetschen uns in das Gefährt.
Ich kann mir einen Platz neben dem Chauffeur ergattern und hocke auf dem grossen Motor. Perfekter Rundblick auf die Landschaft, was aber bei einer Bremsaktion wohl nicht so gute Aussichten wären.
Zu Beginn ist die Landschaft, neben der einzigen Strasse, die sich in diese ziemlich unbewohnte Region schlängelt (was man an der Masse im Bus sich schwer vorstellen kann) sehr hügelig, fast bergig.

In Juigalpa machen wir einen Übernachtungshalt, weil alles für einen Tag doch sehr viel wäre.

Am nächsten Tag erledigen wir noch den Rest und kommen in einem viel weniger überfüllten Bus nach Rama. Die Landschaft verändert sich sichtlich, vorbei sind die Vulkane und Hügel, saftiges Grün, Bananenstauden und Kokospalmen kommen ins Bild
Rama ist auf der Karte die letzte Stadt, oder eher Dorf der Strasse und es fühlt sich auch so an. Weiter kommt man hier nicht, ausser per Wasserweg auf dem Rio Escondido.

Wir erfahren, dass in zwei Tagen der «Bluefield Express» vorbei kommt, welcher mit Halt in Bluefields auch gleich nach Corn Island fährt.
Von Rama nach Bluefields dauert die Schifffahrt mit dem «Bluefield Express» ganze fünf Stunden. Der Fluss ist doch recht breit und wahrscheinlich tief, weil wir auch kleine Frachtschiffe sehen. Der Fluss ist zu beiden Seiten mit dichtem Wald gesäumt, wo abwechselnd einfache Holzhäuser stehen und die Kinder ins kühle Nass springen. Später werden es weniger Bäume, es ähnelt eher hohem Gras, gefolgt von dichten Bananenstauden und etlichen Varianten an Palmen. Es sieht schön aus, aber fünf Stunden tuckern wird dann doch ein bisschen langweilig.

Bluefields ist noch die skurrilere Stadt. Der doch sehr unspanische Name kommt von einem holländischen Piraten namens «Blaauwveld». Und weil dieser Teil von Nicaragua nie von Spaniern kolonisiert wurde, sondern von den Engländern, bekam diese Ortschaft den englischen Namen. Es ist ein Ort eingeklemmt zwischen karibischen Inseln und Dschungel, ohne Möglichkeit per Landweg hierher zu kommen.

Bluefields. Leicht heruntergekommen, chaotisch, anrüchig, viele Leute, Menschen, die vom Fischfang leben, und auch Leute, welche die ganze Hafenarbeit erledigen. Träger, Herumkutschierer, Dockers, Taxifahrer und Bettler. Wir kommen bei Einbruch der Dunkelheit in den leicht karibisch angehauchten Flecken. Spanisch wird von englisch abgelöst, die Einwohner sind afrikanisch beeinflusst.

Wir brauchen eine Unterkunft und suchen gleich den kleinen Hafen ab. Es ist alles schon ausgebucht, sogar die mickrigsten Löcher.
Nach einer dunklen Gasse, stehen wir in einem Vorzimmer eines Hospedajes, welches völlig mit Hängematten ausgekleidet ist und mehrere Menschen drin herumschaukeln. Wir sind fassungslos. Nicht wegen der Hängematten, nur was uns der Besitzer nun zeigen wird.
Der Herr des Hauses meint, er habe schon noch ein Zimmer, aber man könne es nicht mehr zuschliessen. Wir schauen es uns trotzdem an, da wir weder Komfort brauchen, und auch die sonderbarsten Absteigen gewohnt sind. Aber sowas haben wir noch nie zu Gesicht bekommen.

Das Zimmer hat mehrere Betten, wo nur noch löchrige Schaumstoffmatten auf Holzgestellen dahinvegetieren. Überall liegt Abfall und verbrauchte Zahnbürsten. Als der Mann uns noch den horrenden Preis für diese Rumpelkammer verrät, können wir nur noch prustend auf die Strasse zurück laufen.
Schlussendlich werden wir zum Glück doch noch fündig und mussten nicht auf den doch sehr düsteren Strassen mit dunklen Gestalten übernachten.

Am nächsten Morgen fängt das eigentliche Abenteuer erst richtig an: Der Kampf um ein Ticket fürs Schiff nach Corn Island.
JC steht über eine Stunde schlange, wo keine Regeln herrschen und jeder jeden mit seinen Ellenbogen aus der Reihe rempelt. Leute, die keine Lust haben selber anzustehen, fragen diejenigen, die schon weit vorne stehen, ob diese ihnen so und soviel Tickets besorgen. Und da die Dame jeden Namen und jede Ausweisnummer fein säuberlich in ein Heft einträgt geht das Ganze Ewigkeiten.
JC kommt völlig entnervt zurück und die Dame vom Comedor, wo wir gefrühstückt haben meint mit einem lachen: «Das ist alles ganz normal, wir sind hier nicht wirklich zivilisiert» 😉

Das Angeremple geht auf dem «Bluefield Express» weiter. Jeder versucht einen Platz zu ergattern und es herrscht aufgeregtes Treiben auf dem Boot.
Es werden etliche Dinge auf das doch sehr kleine Schiff geladen. Velos, kleine Kühlschränke von den Glacewagen, Esswaren und Personen mit abartig viel Gepäck. Es nimmt und nimmt kein Ende und wir denken, dass wir mit diesem Gewicht niemals ankommen werden.
Aber wir legen doch irgendwann ab und tuckern von Bluefields raus aus der Bucht in das karibische Meer. Und hier fangen die Probleme erst an.

Das Wetter ist nicht perfekt und wir haben ziemlichen Seegang Der Kahn schaukelt auf alle Seiten. Himmel – Meer – Himmel – Meer – Himmel – Meer und das gleiche auch gleichzeitig nach links und rechts.
Unsere Säcke ruhen unter einer Sitzbank, aber innerhalb von fünf Minuten ertrinken sie unter den Wellen, die über den Rand des Schiffes schwappen und ich überlege erst mal gar nicht was dort drinnen alles nass wird.
Das ganze Geschaukel nimmt und nimmt kein Ende, die meisten Leute vom Bug vorne sind in die wenigen, freien Ecken verschwunden, wir versuchen es auch, aber es gibt keine freien Plätze mehr. Schulter an Schulter sitzen wir draussen, selber schon klitschnass vom Salzwasser müssen wir noch gut vier Stunden ausharren. Es wird kalt. Das Meer hat zwar die bräunliche Farbe verloren und glitzert uns nun blau entgegen, aber die kräuselnden Wellen und die Konzentration auf den Horizont ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Ich möchte niemanden mit schaukelnden Schiffen, wo sich einer nach dem anderen übergibt und es meistens nicht mal mehr bis an die Reling schafft langweilen. Es sind grauselige Zustände und ich frage mich ernsthaft, wer diese doofe Idee hatte, die 70 Kilometer mit dem Schiff nach Big Corn Island zu fahren, wo man doch so schön praktisch mit dem Flugzeug fliegen könnte.
Aber: Man ist nicht auf Corn Island gewesen, wenn man nicht den «Bluefield Express» benutzt… 😉

JC ging es grausam schlecht und er änderte mit jedem Schaukel seine Gesichtsfarbe, ich habe es aber glücklicherweise ohne Schiffsgeländerbesuch geschafft. Muss wohl am Matrosenblut liegen 😉


Kurz vor der grossen Insel fängt es auch noch an zu regnen, als ob wir nicht schon genug Wasser gespürt hätten.
Kaum aus dem kleinen Hafen fallen wir einfach ins nächstbeste Bett und schlafen uns erst mal aus.
Wir hoffen dass sich das alles gelohnt hat, die Karibik haben wir uns wirklich verdient.

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