1154 Tage Bolivien Südamerika

Der Bus, der ein Zug sein wollte…

>> Tupiza, Bolivien
Nach dem schönen Stück Natur, landen wir in der wohl hässlichsten Stadt der Welt: Oruro. Am Stadtrand tänzeln herrenlose Plastiksäcke am Himmel, die Stadt selber sieht irgendwie schäbig und unfertig aus. Wieder zu viele Fahrzeuge, die Chaos und Lärm verursachen. Ein Schock nach dem schönen Fleckchen Natur…
Wir dachten an einen gemütlichen Ort, wo wir uns aufwärmen können, was hier aber nicht in Frage kommt.

Das Problem ist, dass nun zwei Tage Nationalfeiertag sind und am Sonntag noch Wahlen. Heisst ein Weiterkommen wird schwierig, denn am Nationalfeiertag stehen Demonstrationen, Strassenblockaden und sonstige Kundgebungen auf dem Plan.
Am nächsten Tag fährt kein Zug und Busse gibt es nur nach La Paz oder Cochabamba, alle anderen Richtungen sind gesperrt oder streiken. Nach La Paz wollen wir nicht, also zeigen wir uns flexibel und fahren nach Cochabamba. Das ist zwar nicht gerade die Richtung, die wir einschlagen wollten, aber immer noch besser als in Oruro zu bleiben.

Cochabamba - eine Demo


Ein guter Entscheid, wie sich herausstellt. Cochabamba hat wärmere Temperaturen, ist zwar eine grössere Stadt, aber nicht unangenehm. Der Hauptplatz hat viele Bäume und Bänke, die zum verweilen einladen. Palmen säumen den Parkrand, Primeln wachsen, Vögel zwitschern – Frühlingsgefühle kommen hoch. Sehr angenehm nach den frostigen Temperaturen der vergangenen Tage.
Cochabamba ist verhältnismässig reich. Grosse Autos verstopfen die Fahrbahn, gut gekleidete Menschen stressen durch die Strassen. Und sie duften hier gut! Nicht, dass die Menschen sonst stinken, aber hier wehen Parfumwolken an unseren Nasen vorbei.
Bolivien ist eine Art in zwei geteilt. In der linken Hälfte leben in grossen Höhen vor allem die indigene Bevölkerung, im fruchtbaren Teil Boliviens leben die reicheren. Leider hat es auch Evo Morales geschafft, sein Land politisch zu spalten. Die Andenbevölkerung ist mehr oder weniger begeistert von ihm, der Rest überhaupt nicht. Santa Cruz und andere Departements haben nun ihre Autonomie verlangt, und diese auch bekommen. Die Menschen im fruchtbaren Teil des Landes werfen Evo vor, zu sehr von Hugo Chavez beeinflusst zu werden – wo sie nicht Unrecht haben. Uns dünkt, dass Evo in den zwei Jahren Amtszeit ein bisschen ein durcheinander gestiftet hat, um es dezent auszudrücken.

Den freien Tag zwischen Nationalfeiertag und Wahlen nutzen wir, um nach Sucre, die Hauptstadt, zu fahren. Sucre ist genau das, was wir suchten. Klein, angenehm, warm und sympathisch. Wir finden eine gemütliche Unterkunft und lassen uns hier gleich für längere Zeit nieder.

Die Hauptstadt zeigt sich von der schönen Seite

Wir unternehmen eigentlich nicht viel. Schlendern durch die Strassen, Essen regionale Köstlichkeiten (Schokolade und Wurst), trinken bolivianischen Wein und verplempern unsere Zeit mit Nichtstun und Lesen – herrlich. Man braucht einfach immer wieder einen Ort, um Energie zu tanken und sich selbst zu widmen.

Am Wahlsonntag ist Fahrverbot und (fast) alle Läden sind zu. Alkoholische Getränke sind zwei Tage vor Wahlen verboten. Es herrscht richtige Sonntagsstimmung, die Menschen spazieren auf den Strassen und geniessen die Sonnenstrahlen gemeinsam mit ihrer Familie. Die Wahlen verlaufen in Sucre friedlich, geht wohl auch kaum anders, bei dem grossen Polizeiaufkommen.

Eigentlich wäre Evo Morales bis 2011 im Amt, aber er fand er frage die Bevölkerung, ob sie ihn noch wollen, oder ob er gehen solle. Ein bisschen eine komische Sache und auch nicht ganz legal, aber was solls. Abgesehen davon, dass es Leute gibt, die mit gefälschter ID wählen gegangen sind, und so die echten nicht mehr ihre Stimme abgeben konnten verläuft alles «normal», Evo bleibt.

Seit geraumer Zeit wollen wir im Zug reisen, was uns aber meistens misslungen ist, also versuchen wir unser Glück hier. Die Strecke Sucre–Potosí wird von einem «Ferrobus» bedient. Ein kleiner Bus auf einem Zugunterteil. Als wir bei der Zugstation ankommen, fährt der «Ferrobus» gerade ein. Es sieht lustig aus: ein Bus der ein Zug sein wollte 😉

Ab Sucre: im Ferrobus nach Potosi

Wir reisen freitags, da der Zug nicht täglich fährt. Zum Glück haben wir schon ein Ticket reserviert, denn die Schlange früh morgens ist lange. Ein Mann im Hotel lachte nur, als wir ihm sagten, dass wir im «Ferrobus» nach Potosí reisen. Der wird sich wohl denken, dass wir nicht ganz normal sind, könnte man in einem richtigen Bus in der Hälfte der Zeit zu unserem Ziel kommen. Macht doch aber viel weniger Spass… 😉

Bis alle ihre sieben Sachen aufgeladen haben und einsteigen vergeht eine ganze Weile, aber dann kann es los gehen. Die Strecke ist sehr schön, fahren wir durch die Natur, weit weg jeglicher Strasse. Oft stehen Esel auf den Schienen und versperren den Weg.

Da stehen auch öfters Esel im Weg...

Da hilft auch viel Gehupe nicht. Stur stehen sie da, oder rennen den Schienen entlang, wo das Theater wieder von vorne losgeht, zur Aufheiterung der Passagiere. Das Gefährt wird rege genutzt, wohnen in diesem abgelegenen Teil tatsächlich Menschen. Die sechs Stunden Fahrt vergehen wie im Flug.

Ein kleines Dorf

Unser Ziel, Potosí, haut uns nicht gerade um. Eine Stadt wie viele andere, vor allem aber eine Minenstadt. Solche könnte man besichtigen, aber da uns Minen nun doch nicht wirklich interessieren, ziehen wir am nächsten Tag weiter.
Im ersten Bus nach Uyuni schaffen wir etwas, was es noch nie gegeben hat: in einem vollen Bus nur mit Touristen zu sitzen. Unglaublich, aber wahr. Der Bus ist nicht gross, die Hälfte von einer französischen Gruppe besetzt, die letzten paar Sitze von Individualtouristen. Wir trauen unseren Augen nicht. Sind wir in einer Tour gelandet? Nein, Zufall, aber es fühlt sich komisch an.

Die Busfahrt geht wieder lange, wie schon so oft sitzen wir stundenlang im Bus, fahren an einer bisschen langweiligen Landschaft vorbei und kommen in sechs Stunden an genau drei Miniaturdörfchen vorbei.
Das ist etwas was wir in Mittelamerika so schätzten. Man muss nicht ewig Bus fahren, und fährt nie an «nichts» vorbei. Die Anden in Bolivien sind zum Teil wirklich hoch und auf dem Altiplano wächst halt wirklich nichts…

Die Kälte hat uns wieder, in Uyuni muss man auch gut angezogen sein. Uyuni selber ist klein und wohl einer der touristischsten Orte in ganz Bolivien. Warum? Weil man von hier aus den berühmten und grössten Salzsee der Welt, den Salar de Uyuni, besichtigen kann.
Wenn man wie wir kein eigenes Auto besitzt, bleibt einem leider nichts anderes übrig, als sich einer organisierten Tour anzuschliessen. Leider werden wir den Verdacht nicht los, dass ein bisschen jeder hier einen 4×4 kauft und Touren anbietet…

Uyuni - ein alter Karren

Da Anfangs Oktober meine Mutter und mein Bruderherz zu Besuch kommen, heben wir uns das Highlight Boliviens für später auf, damit wir das zusammen angucken können. Wir nutzen jetzt einfach die Gelegenheit uns zu informieren, damit wir mit ihnen keine Zeit verlieren und uns gleich ins Abenteuer stürzen können. Denn uns interessiert auch der Nationalpark im Südwesten Boliviens, die Ecke mit Argentinien und Chile, mit unglaublichen Naturspektakeln, welche in einer mehrtägigen Tour besichtigt werden können. Uyuni ist (schon wieder…) nichts Spezielles. Ausserhalb des Zentrums, welches nur ein paar Strassenblocks gross ist, sieht es ausgestorben, beinahe verlassen aus. Sonst gibt es Pizzerias, die sich mit Touroperatoren abwechseln.
Etwas Spannendes ist der «Cementerio de Trenes», der Zugfriedhof, ein bisschen ausserhalb. Grosse, alte Lokomotiven und Zugwaggons, die da in der Wüste vor sich her rosten. Ein schöner Ort, um Fotos zu schiessen.

Cementerio de Trenes - da rosten Züge vor sich hin...

Die Sonne geht unter, die Schatten werden seeehr lange...

Zugfriedhof

So ist das Leben...

Cementerioübersicht

Wir verlassen Uyuni mit einem unguten Gefühl. Wir haben keine grosse Lust von hier aus eine Tour zu buchen, irgendwie hat uns niemand wirklich überzeugt. Es bieten zwar alle das Gleiche an, aber da ist einfach so ein Bauchgefühl.
Wir wollen unser Glück ein bisschen weiter im Süden, in Tupiza probieren. Das Städtchen soll ein bisschen wärmer sein und man soll von dort auch Touren machen können. Dem gehen wir nach.

Das einzige Busunternehmen fährt um sechs Uhr morgens zum gewünschten Ziel. Die Dame die uns, wie wir später merken, das Ticket zu teuer verkauft, legt uns ans Herz, eine halbe Stunde früher zu kommen. Wegen dem Gepäck. Wir haben kein Problem mit früh aufstehen, aber mit diesen eisigen Temperaturen, ist es kein Zuckerschlecken. So stehen wir pünktlich vor dem Büro. Weit und breit natürlich kein Bus – wir ahnten es ja – aber die Frau hat es mehrmals erwähnt. So stehen wir zwar im Ticketbüro, was aber auch nur ein bisschen besser ist, als draussen zu stehen. Von einer Heizung ist ja nur zu träumen. Der Bus kommt und kommt nicht. Die Leute und wir werden ungeduldig. Wenn wir in den Tropen wären, würde es ja auch keinem etwas ausmachen zu warten, aber hier?
Irgendwann nach sechs Uhr trudelt der Bus ein, mit einem überaus nervösen und unsympathischen Chauffeur. Bis alles verladen ist und die letzten Tickets verkauft sind, vergehen Ewigkeiten. Die Bustür steht die ganze Zeit offen und unsere Zehen beginnen abzusterben. Wir sitzen auf der falschen Seite, die Sonne geht links auf. Auf unserer Seite sind die Scheiben wieder innen gefroren, wir schlottern, alles beginnt weh zu tun vor Kälte und es macht überhaupt keinen Spass.
Kaum sind wir ein bisschen Unterwegs hält der Fahrer, um nach einem am Strassenrand stehenden Bus zu sehen. Die Türe bleibt natürlich währenddessen offen. Ob er dem anderen Bus hilft? Nein, wo denkt man auch hin, er SCHAUT nur und wir schlottern weiter. Ich würde diesen blöden Chauffeur am liebsten vom Altiplano schubsen – aber wer fährt dann weiter?
Es vergehen Stunden, bis die Sonne wirklich zu wärmen beginnt. Wir sind auf einer extrem schlechten Strasse, rundherum nur Sand und wüstenähnliche Gegend und der Busfahrer hat einen äusserst schlechten Musikgeschmack und muss wohl dazu auch noch taub sein. Er legt eine Musik-DVD ein mit aussergewöhnlich hässlicher Musik, welche wir nun auch noch in Bild verfolgen dürfen. Das ganze plärrt aus knacksenden Boxen als ohrenbetäubender Krach.
Wir empfinden diese Fahrt wieder einmal als eine der schlimmsten. Ich weiss nicht, ob ich mich gleich zu Boden werfen und weinen soll, aussteigen oder einfach dem Chauffeur die ganze Schuld zuschiebe und diesen einfach bescheuert finde. Ich entscheide mich für Letzteres. Da wir viel zu spät abgefahren sind, zieht sich alles in die Länge. Irgendwo in der Mitte gibt es einen Halt. Man kann es Ort nennen, wenn man will, ist wohl aber mehr eine Busansammlung, als etwas anderes.
Der Buschauffeur gibt sich organisiert und meint, dass wir pünktlich (Betonung auch pünktlich) um Zehn weiter fahren. Wir stellen uns in die Sonne, um unseren Füssen wieder Leben einzuhauchen. Es geht alles gut, sie tauen wieder auf und können die operative Abtrennung unserer Zehen vertagen. Und mit dem eiskalten Bananenmilkshake der alten Frau verfliegt auch unser schlechter Gemütszustand.

Zwar nicht für lange, denn die Pause zieht sich wie schon alles am heutigen Tag in die Länge. Da unser Lieblingschauffeur die Übersicht verloren hat (wir sind erstaunt…), wie viel Plätze nun schon verkauft sind und welche nicht müssen wir uns alle setzen. Das funktioniert nicht so richtig, artet in ein Chaos aus und endet als Nerven strapazierende Warterei.
Es geht los, heisst es, da springt der Chauffeur wieder raus. Also rennen auch wieder ein paar Passagiere hinter her. Und so geht das die ganze Zeit weiter. Wir werden fast Wahnsinnig dabei. Wir reklamieren, der Ayudante, Spezialist im Leute ignorieren dreht uns den Rücken zu und der Chauffeur glaubt sowieso der liebe Gott zu sein – eine herrliche Busfahrt.

Wieder unterwegs geht es natürlich nicht lange, bis das nächste Problem ansteht. Verkehrsregeln existieren entweder nicht oder werden einfach nicht verfolgt. So einfach ist das. Was aber auf der schmalen, kurvigen Bergstrasse zum Verhängnis werden kann.
Plötzlich ein metallisches knacken, ein Raunen geht durch die Sitzreihen. Wir haben einen kleinen Lieferwagen an die Bergwand gequetscht. Passiert ist niemandem etwas.
Wir steigen aus und sehen, dass unser Bus nur noch ein paar Zentimeter vor dem Abhang steht, dem Lieferwagen fehlen Rückspiegel und Lichter, dem Chauffeur sein Fenster ist zerbrochen. Normalerweise hupen die Fahrer immer vor Kurven, diesmal hat niemand ein Zeichen gegeben. Wer ist nun Schuld?
Man muss wissen, dass Busfahrer (und nicht nur unser) NIE Schuld sind. Sie machen immer alles richtig und sind kleine, perfekte Herrscher. Komischerweise (das haben wir auch schon in anderen Ländern beobachtet) kann der Buslenker noch so ein unfreundlicher, unsympathischer Mensch sein, die Passagiere halten zu ihm. Auch diesmal ist das der Fall. Beide Fahrzeuge haben Schaden erlitten, es ist vielleicht die Schuld beider, sowas kann ja mal passieren. Aber der Chauffeur redet auf den anderen Fahrer ein, gibt ihm die Schuld und jeder Passagier gibt auch noch seinen Senf dazu.

Tupiza: Nach dem Crash mit dem anderen Laster, grosse Diskussion, die nichts bringt.

Unnötige Diskussionen, die reinste Zeitverschwendung! Versicherung hat hier sowieso niemand.
Wieso will dieser Tag eigentlich nicht enden? JC schreit irgendwann in die Menge, ob wir nicht einfach weiter fahren können. Was dann lustigerweise auch geschieht.
Irgendwann, viel zu spät, nach viel zu vielen Busstunden kommen wir in Tupiza an.

Unsere Energie ist am Ende, der Kopf brummt, wir wollen einfach nur ein Bett und nehmen das erste Hotelzimmer. Welch Glück für uns: die Betten sind perfekt, die Dusche herrlich warm, Tupiza ein sehr hübsches Örtchen.
Nach etwas zu Essen, einem Bier und einem leckeren Glacé im schönen Park, lassen wir uns von der Sonne bescheinen und die auslaugende Busfahrt ist vergessen.

Die Umgebung ist sehr schön. Grosse Kakteen, rote Canyons, Westerndekor pur. Wir bleiben ein paar Tage, informieren uns wegen den gewünschten Touren und finden hier einen seriös aussehenden Anbieter. Wir können uns auch viel besser vorstellen, von hier aus eine Tour zu machen, als von Uyuni. Tupiza ist einfach viel anziehender, wärmer und ein besserer Ausgangspunkt.

Morgen werden wir im Zug zur Grenze Argentiniens fahren. Nicht weil wir schon genug von Bolivien haben, aber wir wollen eine Schlaufe fahren, um danach wieder nach Bolivien zu reisen. Wir hoffen auf ein paar feine, saftige Steaks 😉

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