1154 Tage Frachtschiff Kolumbien Südamerika

Bananen und fliegende Gabelstapler

>> Turbo, Kolumbien
Nach unseren zwei Inseln (Guadeloupe und Martinique), welche wir ein bisschen auskundschaften konnten, tuckerten wir Richtung Cartagena, Kolumbien. Auch dort konnten wir zu unserer Überraschung aussteigen und die Altstadt besichtigen. Mit Tipps von unserem Taxifahrer, wie wir uns zu verhalten hätten und was wir tun und lassen sollten, konnten wir das sehr schöne Städtchen besuchen. Und da wir hier auch genügend Zeit hatten, begossen wir JC’s Geburtstag mit kolumbianischen Bier.

Wir wussten, dass bald Turbo kommen wird, wo wir zwei Tage Aufenthalt haben werden. Niemand von uns Passagieren wusste warum wir dort so lange verweilen ohne Landgang zu haben. Wir waren gespannt. War es wegen der Sicherheit?
Am nächsten Tag, knapp vor Mittag standen plötzlich die Motoren still. Wir sahen zwar Land, standen selber aber inmitten brauner Brühe. Es war heiss, bewölkt und es regnete ab und zu. Dann kam ein kleines Motorboot auf uns zu, Polizisten, Sicherheitsleute und ein Hund kamen an Bord. Die Stimmung war sehr speziell und angespannt. Wir wussten immer noch nicht was hier geschah. Endlich erklärte uns der wortkarge Kapitän, dass die Polizisten mit dem Hund hier mal vorerst nach Drogen schnüffeln. Danach werde das Schiff freigegeben und wir würden ein wenig weiter fahren um Bananen zu verladen, da Turbo keinen richtigen Hafen habe. Wir staunten natürlich nicht schlecht! Nach endloser Warterei schleppten wir uns einige Meter vorwärts, wo auch schon andere Frachter warteten um Bananen aufzuladen.

Nur wie soll das denn gehen? Riesige Flosse wurden von Schiffen angeschleppt, dann noch ein Floss mit einer Art Haus darauf – welches wir mal «Technikfloss» nennen wollen – beladen mit Gabelstaplern, Seilen, Metallgerüsten, Menschen und jenem sonstigen Gerümpel. Ein Haufen Arbeiter kamen zu uns an Bord und man merkte wie die Kolumbianer unser Schiff langsam aber sicher in Beschlag nahmen. Nicht mal unsere drei eigenen Kräne wurden von den Russen gesteuert.

In beeindruckender Geschwindigkeit hievten sie die Container vom Deck, welche sie auf die schwimmenden Flosse stellten. Man stelle sich das mal vor. Das Meer war an diesem Abend ziemlich in Bewegung, der Wind blies uns um die Ohren und diese Männer kletterten auf den schwingenden Containern umher, mit Seilen manövrierten sie diese auf die wackeligen Flosse. Mir fehlen ehrlich gesagt jetzt noch die Worte, nun wo ich das niederschreiben möchte, um all dem gerecht zu werden was die taten! Wir standen alle bis tief in die Nacht mit offenen Mäulern da und schauten dem ameisenähnlichen Tun zu. Um sich für die Nacht vorzubereiten rüsteten sich die Kolumbianer mit Hängematten aus, welche sie auf dem untersten Deck überall aufgehängt haben.
Nachdem all unsere leeren Container auf mehreren Flossen verteilt waren, wurden diverse Gabelstapler und alle die Geräte vom «Technikfloss» auf den Frachter geholt. Fliegende Gabelstapler eben. 😉 Für uns sah das alles nach einem organisierten Durcheinander aus, wie auf einem Schlachtfeld. Aber es schien, dass die Arbeiter alles im Griff hatten, denn schon bald erschien das erste schwimmende Blechhäuschen. Diese Wellblechhäuser standen auch auf Flossen und waren bis unter das Dach mit auf Paletten stehenden Bananenschachteln  gefüllt. Diese Häuser mussten auch an unser Schiff angebunden werden, was nicht einfach aussah, denn eine Ecke des Hauses rammte immer wieder den Frachter, aber anscheinend schien dies niemanden zu kümmern, auch als die Ecke mit der Strömung mitgerissen wurde… 😉 Mit einer Metallvorrichtung werden 3 bis 4 Paletten miteinander hochgehoben und landen per Kran im Bauch unseres Schiffes, wo Arbeiter mit den vorhin fliegenden Gabelstaplern alles richtig platzierten. Es ist eine verrückte Sache. Ein Mann gibt dem Kranführer mit seiner Hand gezielte Anweisungen. Nie sieht man jemanden mit einem Funkgerät, geschrien wurde auch nicht…
Auch ein fantastischer Anblick waren die Öffnungen des «Kellers» unseres Schiffes. Ein riesiger Schlund, 5 Etagen in die Tiefe runter, welcher dann in Costa Rica bis oben hin mit  Bananen, Ananas und Melonen gefüllt wird.


Hier in Turbo wird je «nur» eine Etage gefüllt. Aber ich frage mich ja wirklich, wer all diese Bananen isst 😉 Obwohl wir hier keinen Landgang hatten, spannender hätte es gar nicht sein können! Es würde sich wirklich lohnen eine Reportage über diese Jungs zu machen, halsbrecherischer kann man wirklich keine Bananen verladen! Oder zumindest wenn jemand auch eine Frachtschiffreise machen möchte – macht diese über Turbo 😉
Laut dem Chefsteward ist dies auch einzigartig auf der Welt, ausser Fisch, was ja irgendwie logisch ist, wird nichts mehr so auf offenem Meer verschifft…

Nach zwei Tagen herrschte dann wieder Normalität an Bord. Die Offiziere schlossen ihre Büros wieder auf, die Hängematten waren weg, wir liessen nochmals eine Kontrolle über uns ergehen und es konnte weiter gehen. Danach genossen wir noch unseren letzen Tag auf der Segovia, bald hat uns das «zivilisierte Leben» wieder, eine komische Vorstellung, nach so vielen Tagen im Kokon eines Frachtschiffes…

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