1154 Tage Afrika Benin Burkina Faso

Ab nach Benin

›› Grand Popo, Benin
Nachdem wieder eine längere Zeit in Bobo verstrichen ist, heisst es definitiv von allen Abschied nehmen. Es zerreisst einem das Herz, sich von all den tollen Bekanntschaften, die wir in Bobo gemacht haben zu verabschieden.

Bobo-Dioulasso

Kinder in Bobo

Das Lächeln dieser fröhlichen Menschen zu verlassen, das herzliche «Bonne Arrivée» beim Willkommen heissen, die jauchzenden Kinder die ständig «Toubabou – le Blanc – Toubabou – le Blanc» singen. Es ist ausserdem unser letztes Konzert, wo Matthieu mit spielt.

Konzert

Tanz

Irgendwie macht uns das Verabschieden je länger je mehr zu schaffen. Ständig sagen wir jemandem auf Wiedersehen. Menschen mit denen man eine gute Zeit verbracht hat. Vielleicht nur ein paar Stunden, manchmal Wochen.

Fahrt durch Bobo

Boutique

Menschen

Gemeinsam mit Matthieu geht es früh zur Busstation. Ein Kaffee wird zusammen getrunken, Umarmungen ausgetauscht – wir sind richtig traurig auf der Fahrt zurück nach Ouagadougou. In der Hauptstadt hält uns diesmal nichts, nur umsteigen. Ohne Schwierigkeiten kommen wir am späten Nachmittag in Fada-Ngourma an. Die stoppelige Landschaft weit nach Ouagadougou ist trocken und eintönig.

Trockene Landschaft

Am nächsten Tag nimmt uns beinahe ein leerer Tanklastwagen mit. Leider hat er gerade eine Panne, die länger dauert. Also doch der Bus. Es ist unglaublich heiss an diesem ausgedorrten Ort. Man hat buchstäblich das Gefühl, die Feuchtigkeit wird einem aus der Haut gezogen.
Die Grenzüberquerung geht relativ schnell, einzig dass JC dem Beamten genau auf die Finger schaut, wohin der Ausreisestempel kommt: der Pass ist so gut wie voll!

Der Norden Benins ist deutlich grüner. Natitingou, der erste Halt im neuen Land ist nicht viel grösser als was man von der Durchfahrtsstrasse sieht.
Als erstes fällt auf, dass niemand grüsst. Kein Hallo, kein Wort, noch weniger ein «Bonne Arrivée». Das Lächeln ist auch verschwunden. Was ist denn hier passiert? Herrscht Nationaltrauertag?
Wir denken es liegt an uns, weil Burkina Faso und deren Leute uns so gefallen haben, dass wir einfach traurig sind.

Frisch ausgeruht mit viel Willen den neuen Ort auszukundschaften, wird ins Zentrum marschiert. Die Trauer im Gesicht ist nicht von den Menschen gewichen. Heute kommen neue komische Angewohnheiten dazu. Unzählbare Personen kommen auf uns zu – grüssen – und wollen entweder Geld oder ganze Kleidungsstücke die wir tragen, oder sonstige Hilfe. Nicht etwa Bettler, kaum angezogene Menschen oder Kinder! Korrekt gekleidete Herren auf Motorrädern halten und versuchen anscheinend einfach mal ihr Glück. Am Ende des Tages geht das einem ordentlich auf die Nerven. Als Weisser wird man immer wieder nach Geld gefragt oder um Hilfe gebeten. In gewissen Ländern ist es stärker als in anderen, andererseits war es noch nie so intensiv und mühsam wie hier. Keine Ahnung was hier los ist!
Wir flüchten vom Norden und Düsen mit einem neuen, chinesischen Bus direkt nach Cotonou. Es ist sowieso zu heiss im Norden.

Die Fahrt quer durch Benin nach Cotonou geht etwa acht Stunden. Acht Stunden mit einem wahnsinnigen Chauffeur, der Hupkrankheit hat. Anstelle langsamer durch Dörfer zu fahren, wo sich ständig Kinder, Verkäufer, Velofahrer und Fussgänger aufhalten, hupt man einfach. Acht Stunden lang unbekümmertes Hupen. Da es sich um einen chinesischen Bus handelt, hört man im innern des Busses mehr von der Hupe als draussen.
China überschwemmt (West)afrika mit ihrer miserablen, billigen Ware. Nicht mal Zündhölzer funktionieren richtig, oder brennen einem den Kopf ab.

Das Land ist sehr grün und wird noch grüner, um so südlicher man fährt. Und feuchter. Als wir mittags aus dem gekühlten Bus steigen haut es uns fast um. Gefühlte 100 % Luftfeuchtigkeit mit um die 40 Grad Aussentemperatur. Zum Umfallen heiss. (Morgens um 7 Uhr waren es schon 26 Grad)

Mittagsstopp

Die schöne, saftige Landschaft hört vor Abomey-Calavi abrupt auf. Undefinierbares Grossstadtleben. Cotonou taucht noch lange nicht auf. Unfertige Gebäude, unzählbare Autos, Busse, alles und jeder hupt, die Stimmung ist sehr aggressiv auf all das drückt obendrein noch diese Hitze.

Vor Abomey-Calavi

Nur schon der Anblick von Cotonou macht es unmöglich hier zu übernachten. Wer genau sagte, Ouagadougou sei chaotisch? Wir? Ouagadougou ist ein ruhiges Dorf im Gegensatz zu dem da!
Spontan steht Porto Novo auf der Liste. Cotonou ist zwar Wirtschaftszentrum und Sitz der Regierungsbehörden, Hauptstadt ist hingegen Porto Novo.
Am grossen Platz «L’étoile Rouge» leert sich der Bus von seinem Inhalt, worauf sich gleich eine Horde wildgewordener «Zem» um uns zingeln.
«Zemi-Johns» oder kurz «Zem» sind Moto-Taxis. Die Idee von einem «Zem» wäre schneller in der Stadt vorwärts zu kommen, allerdings schwirren sie in einer unglaublichen Anzahl herum, dass man sowieso in einem «Zem»-Stau landet.
Vor der Fahrt muss der Preis ausgehandelt werden, was schwierig ist, wenn man keine Ahnung hat, wo man ist und wohin man will. Ist man soweit packt der Fahrer das Gepäck zwischen seine Beine auf den Benzintank der 125er-Motos, selber hockt man hinten, es kann los gehen. Wenn es der Platz zulässt düsen sie im Affentempo auf das Rotlicht zu, welches geradeso gerne übersehen wird, man endet in einem Gewühl von «Zem» und Autos und hofft nur, die Fahrt zu überleben. Helm? Was ist ein Helm?
JC ist weit hinten, ich hoffe ihn im Gewimmel nicht zu verlieren. Ich sage meinem Fahrer er solle stoppen, weil ich plötzlich sehe wie JC und sein Chauffeur absteigen und herumzanken. Mit hochrotem Kopf erklärt JC, dass ihn sein Fahrer nicht zum Markt bringen will, sondern direkt nach Porto Novo. Nach einer nervenaufreibenden Diskussion landen wir dennoch am Markt, wofür die beiden Herren nun mehr Fahrtgeld wollen, als vorher abgemacht.
Ich erhänge die beiden Männer in Gedanken und sehe sie wie sie an einem Galgen baumeln. Es hilft. Weiter streiten, bis sie uns endlich in Ruhe lassen.

Nun nimmt man den Lärm und das komplette Durcheinander am Markt wahr. Wir stehen inmitten querparkierter Minibusse, das Gepäck verselbständigt sich und landet auf einem Dach. Wieder eine Debatte über den Fahrpreis, einsteigen, in den Sitz quetschen und warten. Die Sonne brennt, die Feuchtigkeit und Abgase kleben auf der Haut, die Aufregung der Menschen erinnert an einen Bienenstock und macht richtig nervös, Verkäufer reichen ihre Waren durch die Fenster, der Lärmpegel nimmt unbekannte Dimensionen an. Zum Glück ist der Minibus relativ schnell voll, die Abfahrt verzögert sich jedoch, weil unzählbare Büsschen unseres einklemmen. Ständig wird geschrien und gezankt, nichts geht ein bisschen gemütlicher von sich. Wir geben nur noch ein nervöses Lachen von uns, bis man nach etlichen Kreuzungen, Kreisel und Ampeln aus Cotonou draussen ist. Von der Landschaft her ändert sich nichts. Hässliche, unfertige Gebäude bis nach Porto Novo. Man fährt zwar an der Küste entlang, trotz allem ist vom Atlantischen Ozean nichts zu sehen. Wären da keine Ortstafeln, würde man nicht mal merken, dass man sich nicht mehr in Cotonou befindet.

In Porto Novo beginnt erneut ein Nahkampf mit den «Zem». In der Hauptstadt scheint genauso allgemeine Traurigkeit ausgebrochen zu sein. Es ist zugegebenermassen ein bisschen besser als in Cotonou, trotzdem alles andere als umwerfend. Für heute verbarrikadieren wir uns erstmal im Zimmer.

Zum Frühstück (es ist schon bisschen spät) finden wir nichts anderes als «Pâte» mit Ratte. Keine Stadtratte, Ratten aus der «Brousse», sehen eher wie grosse Biber aus. Probieren. Das zähe Fleisch ist mit einer dicken, Fetthaut überzogen, das Fleisch direkt unter der Haut ist sehr stark im Geschmack. «Pâte» ist in der Konsistenz wie «Tô», den wir sowieso nicht mehr sehen können. Der kurze Traum von Kaffee und Gipfeli kommt auf.

Benin hat eine bedeutende Position in der Sklaverei-Geschichte, so treffen wir abends in einer Bar auf gute Salsa-Rhythmen. Ein bisschen Musik-Abwechslung tut gut.
Doch auch hier. Im Prinzip sollte es fröhlich zu und her gehen, Leute die tanzen, aber sie sehen alle traurig aus. Man wird nicht begrüsst und ist leicht transparent. Ich gebe nicht auf und bleibe bei meinen Spässen, um wenigstens ein Lächeln zu bekommen.
Macht man in Mali und Burkina Faso ständig untereinander kleine Scherze um das Eis zu brechen, ist hier anscheinend nichts zu machen. Vorher lacht der Kühlschrank hinter der Bar – oder ich muss an meinem Humor arbeiten.

Wir erinnern uns an das eigentliche Ziel in Benin: das Meer. Endlich wieder einmal die Weite des Ozeans sehen. Und eine kühle Brise wäre in dieser Hitze ebenfalls nicht schlecht.
Benin ist der Geburtsort des Voodoo und hat eine Schlüsselstellung in der Geschichte der Sklaverei. Über beides kann man in Ouidah näheres erfahren, das Meer ist ausserdem nicht weit.
In Porto Novo geraten wir erneut in Auseinandersetzungen mit den «Zem», die siebenmal um die Stadt herum fahren wollen, hingegen nicht zum Kollektivtaxi-Bahnhof. Bei den Taxis angekommen geht schliesslich auch alles drunter und drüber. Die Beniner scheinen eine Gabe zu haben, einem den letzten Nerv zu rauben!
Jedes Mal staunt man über die unvorstellbare Entwicklung der Diskussionen und Dimensionen die das sich platzieren mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in diesem Land annimmt. Ganz plötzlich – ohne Vorwarnung taucht ein sehr klares Bild in mir auf: Cocktails!
Jemand hat uns doch von Cocktails am Meer in Grand Popo erzählt! Schon geht alles schneller, zu viert auf dem Rücksitz eines ausgedienten Autos geht es Richtung Grand Popo. So einfach ist es manchmal…

Es ist uns bewusst nach drei Jahren Reisen in Bussen, Taxis, Minibussen und sonstigen Gefährten nicht mehr die besten Transportmittel-Nerven zu haben. Inzwischen sind wir jedoch einiges gewohnt, nur was hier abgeht ist nicht normal.
Der Glauben ist immer noch gross, dass die Unfreundlichkeit und das Benehmen der Beniner an uns liegen muss, langsam kommen aber Zweifel auf.
Zum Glück fahren wir durch Cotonou hindurch ohne das Auto wechseln zu müssen. Bis nach Ouidah sieht es ähnlich aus. Kaum Landschaft, nur Auslauf-Grossstad-Chaos. Und manchmal wünscht man sich sogar im Auto eine Maske.

Grand Popo ist richtig klein. Schnell ist man in der «Lion Bar» mit den berühmten Cocktails. Der erste Anblick ist das Meer, der zweite der lachende Gildas beim Frühstück. Wir werden herzlich begrüsst. Herzlich. Man plaudert und lacht, wir fühlen uns prompt pudelwohl.

Grand Popo

Es gibt nicht nur eine Bar, sondern auch sehr gemütliche Zimmer. Es ist alles wunderschön dekoriert, das ganze Haus in Rot-Gelb-Grün gehalten. Gildas, der Besitzer ist ein Rasta mit einer grossen Liebe zum Reggae. Von hier kriegt uns so schnell niemand mehr weg. 😉

PS: Wir nähern uns mit dem Blogtext der Aktualität! Grüsse aus Grand Popo ;-D

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