1154 Tage Bolivien Südamerika

Ab ins Land der Melonenhüte

>> La Paz, Bolivien
Der Süden Perus – wie schon mehrmals erwähnt – gefällt uns einfach nicht mehr so, wie der Norden. Nach Arequipa flüchten wir regelrecht aus diesem Land. Wir fühlen uns nicht wohl und vor allem empfinden wir diesen Teil nicht mehr als das Peru, welches wir sonst kennen. Es ist zwar der meistbesuchte Teil Perus, aber wir können ihn nicht wirklich weiter empfehlen.
Nun können wir auch den Mann von den Kuelap-Ruinen bestens verstehen, als er wetterte, dass er es nicht verstehen könne, warum alle in den Süden rennen würden.

Wir verlassen Peru ein bisschen Hals über Kopf, mit noch viel zu viel Soles in den Taschen, aber egal. An einem Montag fahren wir über zwei Stunden lang, dem Titicacasee entlang (was für ein riesiger See!), um nach Bolivien zu reisen.
Der kleine Landzipfel, welcher in den See ragt, gehört geografisch schon zu Bolivien, aber da das Landstück noch an Peru hängt, fühlt man sich anfänglich noch nicht wirklich im neuen Land. Es sind auch noch viele Peruaner hier anzutreffen.

Der Grenzbeamte ist wohl der unfreundlichste Mensch, den wir seit der ganzen Reise angetroffen haben, was aber unsere Vorfreude nicht trübt. Hier sind wir nun: Copacabana, am Titicacasee. Und was für ein See das ist. Wenn man am Uferrand steht, könnte man meinen man stehe am Meer, kein Horizont ist zu sehen. Einfach unglaublich und riesig.

Titicacasee in seiner ganzen Schönheit

Das Wasser ist von tiefstem blau und würde von der Klarheit her zum Baden einladen, die niedrigen Temperaturen bremsen dann doch die Lust in Badehosen zu schlüpfen und im höchsten, navigierbaren See der Welt baden zu gehen.

Copacabana ist ein kleines Nest, touristisch, aber nicht unangenehm. Auf dem kleinen, extrem sauberen Markt, entdecken wir ein leckeres Getränk, welches wir auch in Zukunft in den kalten Regionen finden werden: Api. Ein dickflüssiges, heisses Maisgetränkt aus gelbem und rotem Mais, das mit sehr viel Zucker, Zimt, anderen Gewürzen und viel Liebe hergestellt wird. DAS Wundergetränkt in diesen kalten Zonen.

Und viel Fleisch: schau mir in die Augen, Kleines... ;-)

Am Markt gibtes alles

Die Sonne wärmt zwar tagsüber angenehm das Gesicht, aber sobald die Sonne untergeht ist man am besten an einem Warmen Ort, denn draussen besteht Erfrierungsgefahr. Was man auch an den leeren Strassen abends in Copacabanas merkt…

Endlich sehen wir auch die schon lange erwartenden Melonenhüte, der indigenen Bevölkerung. (Wie immer) tragen nur die Frauen traditionelle Kleidung. Den Temperaturen entsprechend, tragen sie einen dicken Rüschenjupe, mit mehreren Unterröcken. Dicke Kniestrümpfe, Sandalen und ein hübsches Dreieckstuch, meist mit Fransen. Sie sehen wahnsinnig «dick» darin aus, aber dies kommt nur von den vielen Kleiderschichten. Der typische, «zu kleine» Melonenhut fehlt natürlich nicht. Im Minibus berührt dieser beinahe das Dach, so hoch sitzt er. Es sieht wirklich elegant aus. Wir fragen uns nur, wie dieser kleine Hut so stilvoll auf dem Kopf sitzen bleibt…

Copacabana (nicht mit dem in Brasilien zu verwechseln) hat eine spezielle Attraktion, welchem viele Peruaner beiwohnen. Vor der blendend weissen Kirche, stehen täglich Autos Schlange.

Und die Autos stehen Schlange

Jeden Tag werden hier die Fahrzeuge und die Wünsche der Besitzer gesegnet. Vom grossen Bus, Taxi oder privatem Auto – alles ist vorhanden, wie gesagt, vor allem peruanischer Herkunft. Wir fragen uns, ob die Bolivianer da nicht einfach «ein Geschäft» wittern. 😉
Vor der Kirche stehen Unmengen an Ständen welche Hotels, Läden, Autos, Geldscheine (am liebsten in Dollar-Form und sonstigen ausländischen Währungen), Urkunden und sonst alles Erdenkliche in Miniaturform verkaufen.

Vor der Kirche kauft man sich seine Wünsche

Frischvermählte kaufen sich eine «richtige» kleine Geburtsurkunde, tragen den Wunschnamen darauf ein und hoffen ganz fest…
Man kauft sich seine(n) Traum(e) im Kleinformat, schmückt und drapiert sein Auto mit den gekauften Wünschen, trinkt Alkohol, schüttet diesen auch in Unmengen auf sein Auto und wartet bis der Priester mit dem Kessel voll «heiligem» Wasser kommt und das ganze segnet.

Der Priester segnet alles und alle

Es ist ein wunderbarer Anblick. Farbenfroh, fröhlich, mit vielen Knallfröschen, Konfetti und gaaaanz viel Hoffnung.

... viel Alkohol

Wir plaudern mit einer Familie, die wirklich viele Wünsche auf der Motorhaube ausgestellt hat. «Besitzt ihr das schon, oder wünscht ihr euch das alles?» fragen wir sie, weil wir anfänglich nicht verstehen wie das Ganze funktioniert.
Voller Eifer zählen sie ihre «bescheidenen» Wünsche auf. Zwei Autos, einen Bus, ein Hotel, eine «Tienda»… Wahrscheinlich wünschen sie sich so viel, dass zumindest etwas von all den Anliegen erfüllt wird…

Nicht gerade bescheidene Wünsche...

Wenn man den «Cerro Calvario» hochklettert, sieht man noch mehr von diesen hoffnungsvollen Wunscherfüllungen. Der Anstieg ist steil, Einheimische stehen da und bieten «Zukunftsvorhersehungen» an und sonst spielt sich in etwa dasselbe wie vor der Kirche ab. Es ist herrlich dies anzusehen, auch wenn wir ein bisschen Respekt vor dem Ganzen haben. Es liegt ein geheimnisvoller Nebel über allem. Zu oberst, nach dem Kreuzweg, gibt es Altare mit Kerzen, Opfergaben und auch wieder die Miniatur-Wunsch-Verkäufer. Der Ausblick auf den Titicacasee ist bezaubernd.

Am Cerro Calvario

Die Stimmung ist einzigartig. So haben wir uns Bolivien vorgestellt – ehrlich gesagt – auch schon Peru, aber wie das auch schon mit den Panflöten Spielern ist, alles Legenden…?

Schon bald zieht es uns weiter, möchten wir doch Bolivien näher kennen lernen. Nachdem wir doch fast drei Monate in Peru verbracht haben, ist es ein Genuss und eine willkommene Abwechslung in ein neues Land zu kommen. Die Währung ist neu, die Menschen, das Essen. Auch wenn das Nachbarland meist nicht weit ist, ändern doch die grundlegenden Dinge. Das spannende ist, dies neu herauszufinden.

Wir fahren nach La Paz. Wie die meisten denken die Hauptstadt, aber dem ist nicht so. Diese Funktion übernimmt Sucre, La Paz ist nur der Regierungssitz. Aber wir brauchen auch ein Weilchen, um das zu begreifen.
Wir müssen noch einen kleinen Teil des Titicacasees überqueren – ohne Brücke. Die Passagiere steigen in ein kleines Boot, die Fahrzeuge schwimmen in einer Art Floss über das Wasser. Sieht witzig aus, wenn ein grosser Buss langsam ans andere Ufer treibt.

... der Bus wird verschifft.

Wie soll ich La Paz, die höchstegelegene «Hauptstadt» beschreiben? Chaos, Smog, Lärm, Chaos, und nochmals Chaos? Ehrlich gesagt ist der erste Eindruck ein bisschen zu viel des Guten. Es hat wirklich viel zu viel Autos, Taxis, Busse und alles was sich Fahrzeug nennt. La Paz liegt ein einem Talkessel, mit einem Unterschied von tausend Metern vom höchsten und niedrigsten Punkt. Was dazu führt, dass die ganzen Abgase schön unten hängen bleiben. Und als Fussgänger spaziert man die ganze Zeit, steile Strassen empor was wegen den Abgasen und der dünnen Luft (4000 M.ü.d.M) ziemlich atemraubend ist.
La Paz ist irgendwie vor mehreren Jahrzehnten «hängen geblieben», so dass auch in Cafés und Restaurants die Kellner dementsprechend angezogen sind.
Ein Teil der Stadt ist einfach ein riesiger Markt. Man bekommt alles in den Strassen, die kleinen Tante-Emma-Läden muss man suchen. Vom USB-Stick, DVD-Rohling, raubkopierte Filme, Früchte und Gemüse, Socken, frischgepresste Fruchtsäfte, Kuchen und vieles mehr findet man in den Gassen. Ein kleiner Teil ist «Hexenmarkt», wo man allerlei Kräuter, Düfte, «Dinge» und getrocknete Lamaföten findet. Letztere dienen dazu, böse Geister vom Haus fern zu halten, indem man die Lamababys ins Fundament eines Hauses einmauert.

Der erste Tag ist schrecklich in der grossen Stadt, am nächsten Tag überlebt man es, am dritten Tag versucht man das ganze Chaos so gut es geht zu ignorieren. Wir nutzen die Vorzüge der grossen Stadt und erledigen diverse administrative Dinge, waschen, Internet. Und haben auch das Glück die Campingcar-Familie wieder zu treffen, welche uns damals in Peru zur schönen Laguna de Paron mitgenommen hat.
Der Zufall will es, dass wir uns in La Paz wieder treffen. Das Wiedersehen ist fröhlich, es tut gut bekannte Gesichter zu sehen.
Wir besuchen sie auf dem ausserhalb gelegenen Campingplatz und tauschen Informationen aus. Dank ihnen wechseln wir unseren Reiseplan. Statt in den Norden zu fahren, geht es in den Süden. Zwar wird es bitterkalt, aber wir werden es nicht bereuen…

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